Er war jahrzehntelang der (west-)deutsche Intellektuelle schlechthin: Günter Grass, der Vieles-Bedenker und Alles-Kommentierer, der diversen Bundeskanzlern mehr oder weniger erbetene Ratschläge erteilte und seine Landsleute ermahnte und aufrüttelte, ob sie es nun hören wollten oder nicht. Wie außer ihm nur Heinrich Böll, der zweite deutsche Nobelpreisträger dieser Genera- tion, hat der 1927 geborene Günter Grass den Schriftstellerberuf als politisches, öffentliches Amt aufgefasst.

Dass er dieses Engagement zuweilen mit einer gewissen Pene-tranz vorführte, haben gerade seine Freunde schon früh bemerkt: "Anruf von einer Redaktion genügt, und er verlautbart. Als könne er Aktualität ohne Grass nicht ertragen. Wie heilt man ihn?" So fragte Max Frisch 1974 ratlos in seinem "Berliner Journal". Frisch wünschte sich diese Heilung vor dem Verlautbarungszwang, weil er der Ansicht war, Günter Grass vergeude seine beträchtliche literarische Begabung mit bundesdeutschem Kleinkram.

Nun hat Grass zeitlebens Romane und Gedichte geschrieben, und außerdem Zeichnungen und graphische Blätter in großer Zahl produziert. Es lässt sich also nicht behaupten, dass er seine künstlerischen Fähigkeiten ganz und gar der Politik geopfert hätte. Wahr ist aber doch, dass die Interventionen des öffentlichen Intellektuellen heftiger diskutiert wurden als die Produkte des sprach- und bildmächtigen Künstlers. 2006 gelang es diesem Meister der kontroversen Verlautbarung sogar, sein peinliches Eingeständnis, dass er als junger Mann kurzzeitig Mitglied der Waffen-SS gewesen sei, noch zu einem Fall von allgemein politischer Bedeutung zu machen.

Was bleibt

Am 13. April 2015 ist Günter Grass gestorben, die Aktualität geht von nun an definitiv ohne ihn weiter. Jetzt stellt sich die Frage, was von seinen Texten und Bildern bleiben wird, nachdem die unmittelbaren Anlässe in Vergessenheit geraten sind und die Themen, an denen sich Grass abarbeitete, allmählich der Vergangenheit angehören werden. Oder anders gesagt: Es muss sich nun zeigen, ob den Werken des Dichters eine Nachwirkung beschieden sein wird, nachdem ihr Verfasser nicht mehr präsent ist.

Es ist nicht überraschend, dass ein so öffentlichkeitsbewusster Literat wie Grass zumindest den Beginn seiner künftigen Wirksamkeit noch eindrucksvoll mitbestimmt hat. Wenige Monate nach seinem Tod ist in seinem Hausverlag Steidl ein erster postumer Text- und Bild-Band erschienen, den der Autor selbst wesentlich gestaltet hat.

Späte Fragmente

Unter dem Titel "Vonne Endlichkait", in dem Grass vom ostpreußischen Idiom seiner Geburtsstadt Danzig Gebrauch macht, sind hier Gedichte, kurze Reflexionen, Tagebuchaufzeichnungen, Jugenderinnerungen, Hommagen an lebende und verstorbene Freunde und Freundinnen und dergleichen versammelt. All das ist oft in Nächten entstanden, in denen der Schlaf nicht mehr kam und der alte Mann aufstand, um zu schreiben oder zu zeichnen, anstatt sich ruhelos im Bett zu wälzen. "Nach endloser Qual / raus aus dem Bett / und mit gespitztem Blei / das wabernde Nichts lichten; das ist des Alters Gewinn / Schlaf vergeudet die Zeit."

Auch die politischen Anliegen klingen in dieser Spätlese an. In dem Text "Was Tatsache ist" polemisiert er gegen die weitverbreitete Wertschätzung der virtual reality und besteht darauf, dass der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und dergleichen "Tatsachen" sind, die reale Menschen zu verantworten haben. Der Text endet mit der ironischen Anmerkung, ein "Notruf", den Grass mit anderen zusammen an eine "landesweit gelesene Zeitung" geschickt habe, sei dort nicht genommen worden. Begründung: "Wir drucken keine Appelle!"

Derartige Kommentare sind aber nur noch am Rand von Bedeutung. Der notorische Verlautbarer hat sich aus seinem letzten Buch weitgehend zurückgezogen, Hier geht es um etwas anderes, möglicherweise Wichtigeres: Ein altersschwacher Mann nimmt in melancholischen Miniaturen Abschied von seinem Leben. Er schreibt zum Beispiel eine kurze, galgenhumorige Prosaelegie auf den letzten Zahn, der ihm noch im Mund verblieben ist. Der bi-bliophil ausgestattete Band enthält auch zahlreiche Zeichnungen von Grass: Tierbilder, Federn, Bäume, sehr viele Nahrungsmittel, aber auch ein schonungsloses Selbstporträt, in dem er sein leidendes Gesicht mit geöffnetem, gebisslosem Mund zeigt.

Doch geht es nicht nur um den unvermeidlichen körperlichen Verfall, sondern auch um die vergangenen Freuden und Beschäftigungen, die Grass in jüngeren Jahren geliebt und in seinen Romanen geschildert hat: In einem Gedicht besingt er noch einmal die fast schon verlorenen Freuden der Erotik, in einem anderen Text trauert er darüber, dass ihm sein Gesundheitszustand nicht mehr erlaubt, noch einmal das geliebte Portugal zu bereisen.

Dennoch ist "Vonne Endlichkait" kein reines Leidensbuch. Der alte Mann ist durchaus fähig, die Freuden seines Alters zu genießen und zu beschreiben. Es macht ihm, dem Koch und Gourmet, sichtlich Spaß, Pilze und andere Lieblingsgerichte in appetitanregender Prosa zu schildern, und ebenso gern erinnert er daran, wie schön es war, zu tanzen.