Es ist die Chance seines Lebens - und er nutzt sie: Als Walter, der junge Postangestellte in Sils Maria erfährt, dass der von ihm verehrte und begehrte Filmstar Lionel Kupfer im lokalen Hotel Waldhaus logiert, schmuggelt er sich mit dem Mut der Verzweiflung an diesen Ort der Schönen und Reichen. Und da das Glück mit den Mutigen ist, setzt sich genau an diesem Abend der Einzelgänger Kupfer zu jener Bekannten, in deren Windschatten Walter die noble Halle betreten hatte. Und es ist auch in just diesem Moment, dass Walters Mutter Theres, Wäscherin im Waldhaus, an der Halle vorbeiläuft und dort ihren Sohn erblickt.

Alain Claude Sulzers neuer Roman, "Postskriptum", führt tief in das Drama von Aufstieg und Absturz hinein. Er erzählt vom Status, in den man hineingeboren - und gebannt - ist; von Erfolg und Ruhm, die sich steigern, bis sie von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert sind. Sulzer betrachtet diese Themen sowohl auf der Ebene persönlichen und intimen Lebens - als auch im Schicksalsplan der großen europäischen Geschichte.

Es ist nämlich in diesen letzten Jännertagen des Jahres 1933 - als sich die Welt unwiderruflich verändert -, dass sich auch für den jungen Angestellten seine kleine Welt verwandelt: "Walter fühlte sich geborgen, als hätte er wie im Traum von einem Leben in ein anderes übergesetzt, mit einem einzigen Schritt war er von einem Treppenabsatz zum nächsten gelangt, von einer Etage in die andere. So jedenfalls fühlte er sich. Als ginge es stetig aufwärts."

Theres, eine einfache Frau, die weder lesen noch schreiben kann, hat weniger Glück mit der Liebe zu ihrem Sohn als Walter mit seiner zu Lionel. Theres bleibt auf der Seite der Ohnmächtigen: Es ist einer der eindrücklichsten Momente des Buches, als ihre gehässige Vermieterin später in Bern an Walter und einem Geliebten "zwei Abartige" erkennt und sich dafür an seiner Mutter rächt, die nichts vom Ganzen begreift.

Lichtmoment

Wohin genau Walter durch diesen Lichtmoment seines Lebens gelangt ist, erfahren wir nicht. Sulzer greift in einem Zeitraum von fast 70 Jahren zwischen 1894 und den 1960er Jahren einzelne Momente heraus, in denen er das jeweilige "Hier und Jetzt" der Figuren höchst eindrücklich abbildet.

Ein Reiz des Romans liegt in der weit gedehnten Spannung zwischen jener Intimität, die den Filmstar Lionel für einen kurzen Wimpernschlag der Geschichte mit dem Postangestellten Walter verband, - und jener Verschlossenheit, in der der Roman seine Figuren zugleich belässt. Man lernt weder Walter noch Lionel wirklich kennen - vielmehr schaut man von außen auf Menschen, die ihre Geheimnisse tief in sich verbergen, mitunter, wie es scheint, sogar vor sich selbst.

Dass die fatale Kraft der Historie eigentlich die wahre Hauptfigur dieses Romans ist, zeigt sich an der Struktur des in Erzählmomenten gebauten Buchs. Markant sind auch die Schauplätze: das Hotel Waldhaus in Sils Maria, das auf unterschiedliche Art schicksalhaft für Lionel und für Walter wird - und New York, als Kupfers liebgewonnenes Zuhause in der Emigration.

"Postskriptum" ist ein Buch der Zufälle und Koinzidenzen; der verpassten Gelegenheiten einerseits und unwahrscheinlichen Zusammentreffen andererseits: des Stoffes also, aus dem unser Leben vermutlich viel mehr gemacht ist als aus dem, was wir steuernd und planend, wünschend und arbeitend, selbst machen können.

Kindheits-Trauma

An keinem anderen historischen Moment hätte Sulzer dies so erweisen können wie in jenem Jänner 1933, als die große europäische Geschichte das Leben von Millionen Menschen schrieb, umschrieb und beendete. Und nicht zuletzt ist "Postskriptum" ein Buch darüber, wie sehr man - auch dies, ohne es zu wollen oder zu wählen - an Traumata der Kindheit gebunden bleibt. An keiner Stelle von Roman nämlich kann man jenes schreckliche Ereignis am Buchanfang vergessen, zu dessen Zeuge der kleine Lion sechsjährig am Ufer des Neusiedler Sees geworden war. Das Wissen darum, wie wegweisend dieses Trauma für ihn war, wird ihm spät zuteil - und gibt dem Roman eine großartige Rahmung.