Der Wiener Schmetterlingsforscher Franz Wilhelm Caspari hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf einer kleinen Insel im Indischen Ozean die Schmetterlingsart Calyptra lachryphagus vor dem Aussterben zu retten. Schwierig gestaltet sich dieses Vorhaben deshalb, weil die Schmetterlinge Tränen der Menschen benötigen, um zu überleben. Weshalb sich der Forscher mit seinen Schützlingen im Gepäck zu Begräbnissen aufmacht, zu (von ihm getürkten) Fußballspielen, und er seine Haushälterin immer wieder zu Tränen rührt, stets getrieben von der Notwendigkeit, seine "Tiere satt zu weinen". Die Raupen, die schließlich schlüpfen, werden auf den Bäumen Albizia Lebbeck (die tatsächlich existieren) ausgesetzt, weil sie dort am besten gedeihen.

Poetische Bilder wie tränenbenetzte Gesichter, die von Schmetterlingen bedeckt werden, zeichnen Andrea Grills Roman "Das Paradies des Doktor Caspari" aus, daneben wird das Wesen der Wissenschaft nicht unkritisch hinterfragt. Wie viel Leid darf etwa im Namen selbiger geschaffen werden? Denn dass Caspari seine Haushälterin permanent quält, sieht er kaum noch, zu kostbar sind für ihn die Tränen, die sie dadurch produziert - die menschlichen Gefühle sind zweitrangig.

Selbst vor Kindern schreckt er nicht zurück, sucht Schulen auf, um dort den Jüngsten ein paar Tränen zu entlocken: "Niemand wird mir einen Vorwurf machen, wenn die Kleinen weinen, ich trage schließlich zu ihrer Bildung bei, Bildung tut eben ein bisschen weh. So ist das." Diese Apathie Casparis drückt sich auch in seiner eigenen Unfähigkeit zu weinen aus. Die Tränen, die er sich mit dem Schneiden von Zwiebel abringt, befriedigen die Falter jedoch nicht, zu viel Schmerz steckt in ihnen.

Und so befindet sich die Hauptfigur dieses "naturwissenschaftlichen Märchens" im ständigen Kampf für seine Schmetterlinge und deren Überleben. Ein in bildhafte Sprache verpackter, poetisch-präziser Kampf, bei dem die Autorin manchmal auch ein wenig ziellos umherwandert. Doch verschmelzen naturwissenschaftliche Forschererlebnisse mit Traumwelten auf durchaus gelungene Weise, sodass eine märchenhaft anmutende und doch realitätsbezogene Erzählung entsteht.

Ihrem Anspruch, die Gegensätze zwischen Wissenschaft und Literatur aufzuzeigen und gleichzeitig eine Brücke zwischen selbigen zu schlagen, wird Andrea Grill damit jedenfalls gerecht.