Der schwedische Autor Klas Östergren. Foto: Frankie Fouganthin/Wikimedia
Der schwedische Autor Klas Östergren. Foto: Frankie Fouganthin/Wikimedia

Ein schreibender Ich-Erzähler bringt uns die zentralen Charaktere in Klas Östergrens drei langen Erzählungen nahe. Es sind Menschen, die ihm in einer Phase seines Lebens wichtig waren, dann daraus verschwanden und nun im Rückblick so sehr mit der jeweiligen Epoche verschmelzen, dass sie sich fast darin auflösen.

Das Alter Ego des schwedischen Schriftstellers erzählt von ersten Eindrücken, Annäherung, Intimität, Distanzierung und Entfremdung im Spiegel der Zeitläufte, seiner eigenen Persönlichkeit und des Schreibens. Über dem Schleier der Erinnerung, der von behutsamer Ironie, heiterer Melancholie und manchmal von Verwunderung über die eigene Vergangenheit durchbrochen wird, flirrt das Licht der Gegenwart.

Heimliche Liebe


Eva heißt die verheiratete EU-Parlamentarierin in der ersten Geschichte mit dem Titel "Frau in grellem Licht". Der Erzähler traf sie zum ersten Mal in der Nacht, als er ihren betrunkenen, spielsüchtigen Mann von einem illegalen Spielclub in der Nähe der Königlichen Hofställe in Stockholm nach Hause brachte. Eva fühlte sich gleich zu dem hilfsbereiten Fremden hingezogen, in den folgenden Monaten trafen sie sich 35 Mal, natürlich heimlich.

Manchmal schüttete Eva ihm auch am Telefon ihr Herz aus, wenn sie in Brüssel war; wenn sie bei ihm war, konnte sie blitzschnell zwischen der knallharten Politikerin und der leidenschaftlichen Frau hin und her schalten. Vielleicht liebte sie ihn und vielleicht liebte er sie. Nachdem Eva in einen Banküberfall geraten war, öffentlich der Mittäterschaft verdächtigt wurde, den Bankräuber schützte und sich ihr Mann in ihre Beziehung eingeschaltet hatte, schien es sinnlos, das herausfinden zu wollen.

In "Kamerad in blauer Uniform" erinnert sich ein Mann an seine letzte Begegnung mit einem früheren Freund. Als eine "lichtumströmte Gestalt" die Bar betrat, in der der Erzähler früher Stammgast gewesen war, erkannte er Bernie nicht gleich. Der war auf dem Weg zu seiner Konfirmation, mit einer Krawatte, die sein Vater vor über dreißig Jahren für ihn geknotet hatte. Damals, Mitte der siebziger Jahre, war Revolte ein Muss und Bernie ein pessimistischer, schweigsamer Zeitgenosse gewesen, innerlich unruhig wie sie alle, nur noch etwas verzweifelter, weil er als Linker gerade eine Rechte geschwängert hatte. In den Achtzigern waren sie sich noch ein paarmal über den Weg gelaufen. Aber: "Früher hatten wir jede Menge Vorkommnisse in der Gesellschaft infrage gestellt. Das taten wir nicht mehr. Jetzt stellten wir uns gegenseitig infrage." Am Ende steht ein Ereignis, das so unplausibel ist wie manche Wendung im richtigen
Leben.

In der dritten Geschichte mit dem schönen Titel "Kollege mit gelber Schale" lernt der als Schriftsteller erfolgreiche Erzähler den jungen Dramatiker Roger kennen, einen Bewunderer, der ihn an sein jüngeres Ich erinnert: vorlaut, kategorisch im Urteil über seine Mitmenschen und nach einer Scheidung besonders verletzlich.

Allzu sympathisch


Auch weil der Jüngere Geld braucht, vermittelt der Ältere ihm einen Auftrag: Roger soll einen literarischen Text über eine Familie schreiben, die ihren gesamten Hausstand für ein Projekt zur Gegenwartsdokumentation zur Verfügung stellen will. Dafür muss er herausfinden, wer diese Familie aus Vater, Mutter und zwei Kindern ist, wie sie lebt und warum sie dazu bereit ist. Tagelang begleitet er sie, stellt ihnen Fragen, bohrt nach, versucht zu begreifen, aber was soll man über Menschen schreiben, die absolut ausgeglichen, arglos und liebenswürdig zu sein scheinen und auf eine überirdisch friedliche Weise konfliktfrei zusammenleben? Was kann ein Schriftsteller daraus machen?

Klas Östergren

Ins Licht gerückt

Erzählungen. Übersetzt von Regine Elsässer. Kein & Aber, Zürich 2015, 288 Seiten, 22,90 Euro.