Das Erscheinen eines neuen Jonathan-Franzen-Romans ist ein Ereignis - das gilt spätestens seit seinem Roman "Die Korrekturen" aus dem Jahr 2001. Jetzt ist sein fünfter Roman beinahe zeitgleich auf Englisch wie auf Deutsch erschienen. Im Original trägt er den Titel "Purity", auf Deutsch wurde "Unschuld" daraus, was es weit weniger trifft, aber dafür ist das Wort nicht so belastet wie "Reinheit". Purity ist gleichzeitig der Name einer der Hauptfiguren: Purity Tyler, die schlicht Pip genannt wird. Sie ist 23 Jahre alt, lebt in einem besetzten Haus in Oakland, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und ächzt unter ihren während des Studiums angehäuften Schulden.

Zu Hause wartet ihre hypersensible Mutter, die sie allein groß gezogen hat und ihr beharrlich verschweigt, wer ihr Vater ist. Mit ihrer eigenen Suche nach dem verlorenen Vater setzt Pip die Handlung des Romans in Gang, die sie nicht nur zu ihrem Erzeuger, sondern auch zu den Abgründen staatlicher und privater Misswirtschaft führt. Dabei geht Jonathan Franzen nicht chronologisch vor, sondern springt vor und zurück und zur Seite, um seine groß angelegten Lebensschicksale aufeinander zulaufen zu lassen.

Wolf in der DDR

Der Roman spielt in Deutschland, wo Franzen einige Jahre studierte. In Interviews war zu lesen, er habe schon immer über die DDR schreiben wollen, jetzt hat er es getan und mit Andreas Wolf (der mit dem berühmten DDR-Spion Markus Wolf verwandt sein soll) eine der teuflischsten Figuren seines literarischen Werks erschaffen. Als Ziehsohn eines namhaften Funktionärs genießt Wolf zunächst alle Privilegien, fällt dann aber in Ungnade und steigt nach dem Mauerfall zum Whistleblower und Gegenspieler von Julian Assange auf, wie überhaupt das Ausspähen, die Überwachung und der Geheimnisverrat einen hohen Stellenwert in diesem Roman genießen, wenn sie nicht sogar das sind, was ihn im Innersten zusammenhält.

Die Mutter von Andreas ist Anglistikprofessorin und von ihr stammt auch sein Wissen über englische Literatur. Das Drama um den dänischen Zauder-Prinzen Hamlet dient dem Roman dabei als lockeres Gerüst für so manchen Erzählstrang. Die Anspielungen auf Shakespeares Klassiker (wie auch auf Goethes "Faust") sind zahlreich und liefern hübsche Wiederbegegnungen: Geister-Väter haben auch bei Franzen so manches Mal ihre Finger im Spiel und Ophelias Wahnsinn findet seine schöne Entsprechung im beträchtlichen Dachschaden von Pips Mutter Anabel.