Auf der Suche nach dem wahren Kern der Wirklichkeit unserer Welt unternimmt der schwedische Physiker Max Tegmark in diesem tiefgründigen Buch eine faszinierende Reise zwischen dem Mikro- und dem Makrokosmos. Wie schon Galileo Galilei andeutete, lasse sich unser Universum mathematisch beschreiben. Diesen Gedanken ist Tegmark auf den Grund gegangen und erklärt, dass es eine faszinierende Beziehung zwischen Mathematik, Physik und menschlichem Geist gebe.

Seine Grundthese lautet: Die materielle Welt werde nicht nur von der Mathematik beschrieben, sondern sie sei vielmehr Mathematik, was uns Menschen "zu bewusstseinsfähigen Elementen eines gigantischen mathematischen Objekts" mache. Dieses Universum als einen "mathematischen Körper" zu denken, würde bei vielen Kritikern heute Stirnrunzeln hervorrufen, sei aber eine mögliche Denkvariante, die es für Tegmark zu verfolgen gilt. So leben wir Menschen in diesem "mathematischen Körper", der völlig unabhängig von uns existiere, meint der Autor.

"Das Leben gibt dem
Universum Sinn"


Nach und nach versucht Tegmark auf seiner gedanklichen Reise durch alle Dimensionen dem Leser ein vielschichtiges Modell von Paralleluniversen zu vermitteln, in dem er die wichtigsten aktuellen Theorien der Kosmologie und die Stringtheorie miteinander in Einklang bringt. Das Buch liest sich wie eine wissenschaftliche "Autobiographie", obwohl es darin mehr um Physik auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit geht als um den interessanten beruflichen Werdegang des Autors. Diese ultimative Wirklichkeit sei "rein mathematisch", was vertraute Auffassungen wie Zufälligkeit, Komplexität und sogar Veränderung auf den Stellenwert von Illusionen zurückstufe, meint er.

Das wiederum bedeute, dass es eine vierte und endgültige Ebene von Paralleluniversen gebe. Die grundlegenden mathematischen Logarithmen, die unsere materielle Wirklichkeit zu beherrschen scheinen, verweisen darauf, sodass ein Universum ohne Leben möglicherweise überhaupt keinen Sinn hätte. "Durch uns Menschen und eventuell auch durch andere Lebensformen" habe unser Universum ein "Bewusstsein seiner selbst" erlangt - und wir Menschen "haben den Sinn-Begriff geschaffen", glaubt Tegmark.

Das Universum zu bestaunen, verschlage ihm jedes Mal vor Dankbarkeit die Sprache, betont er. Unser Universum gebe zwar dem Leben keinen Sinn, aber "das Leben gibt dem Universum Sinn", folgert Tegmark. Es gebe etwas, das uns wichtig ist, und deshalb gehen wir voran und leben unser Leben, indem wir logische Entscheidungen treffen, die das widerspiegeln, was wir wichtig finden - und zwar ohne uns um andere Paralleluniversen zu kümmern, weil unsere Entscheidungen hier, in unserem Universum, erklärtermaßen keine Auswirkung auf sie haben.

Unser Leben ist zeitlich und räumlich klein: Würde man die 14 Milliarden Jahre alte kosmische Evolution maßstabgerecht auf ein Jahr übertragen, wären 100.000 Jahre menschlicher Geschichte gerade mal 4 Minuten lang. Falls die letzte Struktur der Wirklichkeit mathematisch ist, dann kann der Mensch prinzipiell alles verstehen, glaubt Tegmark. Wenngleich das sogenannte "Ebene-IV-Multiversum" ewig ist, könnte unser spezielles Universum enden. Indizien würden darauf hindeuten, dass in unserem gesamten Universum keine andere Lebensform existiert, die so weit fortgeschritten sei wie wir. Aus kosmischer Perspektive ist das Potenzial für Leben in unserem Universum erheblich. Denn die menschlichen Technologien ermöglichen es uns, unser "Raumschiff Erde" entweder selbst zu zerstören oder das Leben in unserem Kosmos auszusäen, hält Tegmark fest.

Auch wenn es leicht sei, sich in unserem weiträumigen Kosmos unbedeutend zu fühlen, werde die gesamte Zukunft des Lebens in unserem Universum letztlich auf diesem Planeten entschieden, glaubt Tegmark. Wenn allerdings "alles Mathe" sei, dann scheint nicht der Geist die Materie zu bestimmen, sondern die Zahlen.

Sachbuch

Unser mathematisches Universum

Max Tegmark

Ullstein, 608 Seiten, 24,70 Euro