Die deutsche Autorin Jenny Erpenbeck hat mit ihrem französischen Kollegen Michel Houellebecq literarisch wenig gemein. Literaturpolitisch jedoch sind ihre beiden letzten Romane durchaus vergleichbar: Sie befassen sich - auf sehr unterschiedliche Weise - mit dem Thema "Europa und die Einwanderer" und sie sind beide ohne Zutun der Verfasser zum bestmöglichen Zeitpunkt erschienen. Houellebecqs finstere Dystopie "Unterwerfung", die von der Machtübernahme einer islamischen Partei in Frankreich erzählt, kam auf den Markt, als islamistische Attentäter fast die gesamte Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hébdo" ermordeten. Und Erpenbecks Migrantenroman "Gehen, ging, gegangen" bietet adäquaten Lesestoff in einer Zeit, in der Europa sich mit einem gewaltigen Zuzug von Flüchtlingen konfrontiert sieht und zwischen Willkommenseuphorie und Abwehrgesten hin und her schwankt.

Diese Aktualität des Themas hat wohl vor allem dazu geführt, dass "Gehen, ging, gegangen" auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht, der am 12. Oktober vergeben wird. Wenn das Buch den Preis gewinnen würde, wäre das nicht unverdient, denn es ist kein literarischer Schnellschuss aus aktuellem Anlass, sondern eine durchdachte, einleuchtend erzählte und fantasievoll formulierte Auseinandersetzung mit einer komplizierten und aufregenden Materie.

Von draußen

Im Oktober 2012 besetzten afrikanische Asylbewerber den Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Sie verbarrikadierten sich in einem Camp und protestierten dagegen, dass sie in Heimen untergebracht werden sollten und nicht arbeiten durften. Nach langen Verhandlungen und Auseinandersetzungen wurde das Camp im April 2014 von der Polizei geräumt. Die Demonstranten wurden zunächst in die von ihnen abgelehnten Heime gebracht. Schließlich wurde verfügt, dass sie Berlin zu verlassen hätten. (Dies vor allem, weil die meisten von ihnen auf Lampedusa gelandet sind, also im "sicheren Drittland" Italien um Asyl hätten ansuchen müssen.)

Diese kleine afrikanische Revolte, die von vielen deutschen Sympathisanten unterstützt wurde, bildet den faktischen Kern von Erpenbecks Roman. Die Autorin, die 1967 in Berlin geboren ist und auch dort lebt, hat sorgfältig recherchiert und lange Gespräche mit mehreren Aktivisten geführt. So ist sie imstande, die großteils tragischen Lebensgeschichten der Migranten so zu schildern, wie sie selbst es tun. Awad, der zunächst aus Ghana nach Libyen ausgewandert ist, berichtet zum Beispiel, wie er dort den Krieg erlebt hat: "Alles wurde uns abgenommen: Geld, Uhren, Telefone, sogar die Socken sagt er und lacht. Lacht und lacht. It’s not easy, sagt er und hört wieder auf zu lachen. It’s not easy, sagt er noch einmal, und schüttelt den Kopf, it’s not easy, als sei er mit seiner Geschichte am Ende". Warum lacht Awad? Das wird uns im Roman - wie vieles andere auch - nicht erklärt.

Die Porträts und Erzählungen der Migranten bilden den einen Teil des Romans. Der andere berichtet vom Leben eines älteren Herrn, von dem wir nur den Vornamen erfahren: Richard, Professor emeritus für Altphilologie. Er ist verwitwet und bewohnt alleine ein Haus an einem friedlichen See in Stadtnähe (in dem jedoch gerade jemand ertrunken ist. Die Ruhe, so merken wir von Anfang an, ist trügerisch). In der Nachbarschaft leben einige Freunde des Professors, mit denen er zuweilen spazieren geht oder zu Abend isst.

Von drinnen

Richard lebt also ein wohlgeordnetes Leben, empfindet aber doch eine gewisse Leere und Sinnlosigkeit. Im Übrigen ist es nicht unwichtig zu wissen, dass er in der DDR Professor gewesen ist, und dass er sich auch zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung (die im Roman nur als "sogenannte" vorkommt) im westlich dominierten Deutschland nicht zu Hause fühlt. Den Geschirrspüler, den er sich in DDR-Zeiten niemals hätte leisten können, akzeptiert er zwar dankbar, aber darüber hinaus könnte man sagen, dass er angesichts seiner westdeutschen Landsleute fremdelt.

Und dieser einsame Alt-Europäer erfährt nun von den Ereignissen auf dem Oranienplatz. Obwohl er Massenveranstaltungen fürchtet, geht er zu einer Bürgerversammlung und beobachtet die Flüchtlinge und ihre deutschen Sympathisanten: "Die Sympathisanten sind jung und blass, sie färben sich die Haare mit Henna, sie glauben nicht an die heile Welt, sondern wollen, das alles anders wird, und stecken sich deshalb Ringe durch Lippen, Ohren oder die Nase. Die Flüchtlinge wiederum wollen in das, was in ihren Augen überzeugend genug wie eine heile Welt aussieht, erst einmal hinein. Hier auf dem Platz überkreuzen sich die zwei Arten des Wünschens und Hoffens, es gibt eine Schnittmenge, aber der stille Beobachter zweifelt daran, dass sie sehr groß ist."

Trotz dieser Bedenken sucht Richard auf seine Weise ebenfalls Kontakt zu den Flüchtlingen. Vor allem in der Zeit nach der Platzräumung besucht er mehrere Männer regelmäßig in dem Heim, in dem sie untergebracht sind. Er fühlt sich zu den Migranten stark hingezogen - wahrscheinlich, weil sie genauso verloren herumsitzen wie er. Allerdings denkt Richard auch dabei wie ein Altphilologe und gibt seinen neuen Freunden insgeheim Namen aus der Mythologie: Den traurigsten nennt er "Tristan", den aggressivsten "den Blitzeschleuderer" und so weiter. Dennoch macht er die Männer nicht zum Gegenstand eurozentrischer Projektionen. Er hilft ihnen in vielen praktischen Belangen: einen, der gut Deutsch spricht, vermittelt er bei einer Freundin als Altenpfleger.