Vor allem aber befragt er die Auswanderer sorgsam nach ihren Lebensumständen, unterstützt sie beim Lernen unregelmäßiger Verben - "gehen, ging, gegangen" - und hilft mit Geschenken. Einem Migranten gibt er gar 3000 Euro, damit sich dessen Familie in Ghana ein Grundstück kaufen kann.

Missverständnisse

Jenny Erpenbeck ist jedoch keine Märchentante, die partout ein gutes Ende herbeierzählen will. Sie zeigt anhand vieler Kleinigkeiten, wie schwierig die Kommunikation zwischen Richard und den Migranten ist. Oft kommt es zu Missverständnissen, auch fühlen sich die Männer durch Richards unerwartete Großzügigkeit zuweilen eher beschämt als beschenkt. Umgekehrt hat er nach seiner großen Spende für das Grundstück den Verdacht, er könnte betrogen worden sein (zumal er nicht einmal eine Quittung für sein Geld bekommen hat). Und als nachts in sein Haus eingebrochen wird, hält er es für möglich, dass gerade der Flüchtling, den er besonders gern mag, der Dieb gewesen ist.

Die Autorin nimmt ihrem Helden und ihrer Leserschaft diese Befürchtungen nicht ab, bestätigt sie aber auch nicht. Vieles bleibt ungeklärt in dieser brüchigen Begegnung sehr verschiedenartiger Menschen. Aber eben diese Zurückhaltung gehört zu den Stärken des Romans, der an keiner Stelle so tut, als gäbe es einfache Lösungen. Auch der Schluss des Ganzen lässt vieles offen. Gerade in dieser Ratlosigkeit ist "Gehen, ging, gegangen" ein menschenfreundliches Plädoyer für die Mühen der Verständigung.

Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen
Roman. Knaus Verlag, München 2015, 351 Seiten, 20,60 Euro.