(WT) Klemens Wenzel Lothar von Metternich (1773-1859), in Koblenz geborener Diplomat und Staatskanzler im Dienste der Habsburger, gilt bis heute als "Schreckgespenst" der Restauration autoritärer Ordnung, der die vielen aufbegehrenden Nationalitäten im österreichischen Vielvölkerstaat unterdrückte. In seiner Schrift "Ordnung und Gleichgewicht" hat er seine Sicht der Dinge damals dargelegt.

Der Historiker Wolfram Siemann versucht den historischen Metternich aus dem Eck der "historisch rückwärtsgewandten Antimoderne", wie ihn der jeweilige Zeitgeist im Laufe der Epochen für ihre Zwecke instrumentalisiert hatte, herauszuholen. Der Staatskanzler wollte stets jegliche Zerstörung des Reichs vorausblickend verhindern. Die soziale Frage war auch Metternich bewusst. Er hielt den Wandel der Gesellschaft hin zu einer am Kapital orientierten Ökonomie für unvermeidlich und zivilisatorisch wünschenswert. Metternichs Dilemma war dabei, die Nationalitäten kulturell zu fördern, aber deren mögliche Staatlichkeit zu verhindern.

Mit der Revolution von 1848 schien die Einheit des Habsburger-Imperiums bereits kurz vor dem Zerfall stehend. Ohne das Militär als Klammer wäre das Ende des Reichs schon vorzeitig besiegelt gewesen. Metternichs Plan einer Dezentralisierung der Monarchie, um den Bedürfnissen der Nationalitäten entgegenzukommen, scheiterte am Widerstand des Kaisers. Metternich, ein "konservativer Modernisierer" seiner Zeit, erscheint heute in der EU-Wirklichkeit "up to date" - vor dem Hintergrund der Herausforderungen zwischen zentraler und dezentraler Verwaltung.

Sachbuch

Metternich

Wolfram Siemann

C.H. Beck, 128 Seiten, 9,20 Euro