Ein Schriftsteller hat vermutlich endgültig und unverrückbar Kultstatus erlangt, wenn sein Werk wortschöpferisch wirksam ist. Im Falle des Norwegers Karl Ove Knausgård jedenfalls gibt es inzwischen den schönen Begriff "knausoman": Er beschreibt den Zustand des gebannten Lesens und Miterleidens eines uvres, das sechs voluminöse Bände umfasst, von denen fünf inzwischen auch auf Deutsch erschienen sind: "Min Kamp 1-6" heißt es im norwegischen Original, und da die wörtliche Übersetzung hierzulande aus bekannten Gründen eher für Irritationen gesorgt hätte, hat der Luchterhand Verlag beschlossen, die einzelnen Bände mit schlichten Verben zu betiteln. "Sterben", "Lieben", "Spielen", "Leben" und "Träumen" heißen sie, und doch geht es in allen natürlich um den "Kampf" des Karl Ove Knausgård: "Das Leben, das ich führte, war nicht mein eigenes. Ich versuchte, es zu meinem zu machen, das war der Kampf, den ich ausfocht, aber es gelang mir einfach nicht, alles, was ich tat, wurde von der Sehnsucht nach etwas anderem vollständig ausgehöhlt."

Entscheidend daran aber ist, dass es hier nicht um exzeptionelle Selbstfindungsprozesse geht, sondern um das "stinknormale" Leben: "Ich war ein ganz gewöhnlicher Mann, der ein ganz gewöhnliches Leben führen und einen Sinn finden würde, wo ich mich gerade befand, an keinem anderen Ort."

Selbsterkundung

2008 begann der 1968 geborene Knausgård damit, seinen Lebenskampf niederzuschreiben, in manischer Geschwindigkeit fertigte er Band um Band; 2011 erschien der letzte. Mehr als 4000 Seiten aus dem Leben eines Vierzigjährigen, der zuvor gerade einmal zwei Romane veröffentlicht hatte - wer damals darauf gewettet hätte, dass daraus ein Welterfolg werden würde - die Bücher sind in über 30 Sprachen übersetzt, allein in Norwegen mit fünf Millionen Einwohnern wurden über eine halbe Mil-lion Exemplare verkauft -, den hätte man wohl für verrückt erklärt. Was also macht den Sog dieser auf den ersten Blick so unspektakulären Schilderungen eines ganz gewöhnlichen Lebens aus?

Knausgårds Lebenskampf überwältigt nicht nur durch seine schiere Fülle, sondern vor allem durch die Schonungslosigkeit der Selbsterkundung. Kein Irrweg, keine Schwäche, keine Peinlichkeit wird ausgelassen. Ob es um die verzweifelte Suche nach der ersten Sexualpartnerin, das peinigende Problem des vorzeitigen Samenergusses, das Sichprofilieren auf Kosten anderer, die Alkoholeskapaden, das schwierige Verhältnis zum Vater geht - hier wird keine stringente, abgeklärte, auf Gelingen ausgerichtete Entwicklungsgeschichte erzählt, sondern eine eindringliche Aneinanderreihung von Kämpfen, die im Grund nie enden, die für den Moment mit Stolz oder auch Scham absolviert werden, aber nie ein endgültiges Gelingen, das Gefühl eines geglückten Lebens zur Folge haben.