Allerdings hätten diese Verhaltensweisen, wie Weinzierl zeigt, nicht jenen "Skandal" hervorgerufen, den Thomas Mann kommen sah. In den künstlerischen Kreisen, in denen Zweig verkehrte, wurden Affairen toleriert, und das Spiel mit "gewagten" Ausdrucksweisen war allgemein verbreitet.

Desgleichen war es ein Zeichen liberaler Offenheit, wenn man - wie Zweig - freundschaftliche Kontakte zu Homosexuellen unterhielt, auch wenn man dabei in den Verdacht geriet, man habe selbst eine uneingestandene Neigung zum eigenen Geschlecht. Eben dies wurde auch im Falle Zweigs gemunkelt, und das nicht erst, nachdem er die gleichgeschlechtliche Liebe 1926 in seiner Novelle "Verwirrung der Gefühle" mit großem Einfühlungsvermögen dargestellt hatte.

Wandel der Sitten

Ulrich Weinzierl ist ein genauer Kenner der Wiener Geistes- und Lebenswelt der Jahrhundertwende, und damit auch ein höchst kundiger Führer durch die sexuellen, erotischen und obszönen Vorlieben von Stefan Zweig und dessen Zeitgenossen. Eindrucksvoll stellt er dar, dass damals manches geduldet, wenn nicht gar erwünscht war, was heute der gesellschaftlichen Ächtung unterliegt: Weit verbreitet war das - mehr oder weniger ausgelebte - erotische Interesse an sehr jungen Mädchen, das heute zu Recht unter Missbrauchsverdacht steht. Und der sogenannte "pädagogische Eros" zwischen Lehrern und Schülern wurde in den fortschrittlichen Landerziehungsheimen als Bildungsmodell gepriesen, obwohl sich dahinter, wie Weinzierl meint, meist nichts anderes verbarg als ordinäre Pädophilie.

Am Ende seiner detaillierten Beschäftigung mit Zweigs Sexualverhalten kommt Weinzierl dann auf jene "Gefährdung" zu sprechen, die Thomas Mann andeutete: Zweig hatte - vor allem in jüngeren Jahren - exhibitionistische Neigungen. Kurzen Notizen in seinem Tagebuch ist zu entnehmen, dass er sich im Liechtensteinpark oder im Stadtpark herumtrieb und sich vor den Blicken junger Frauen und Mädchen entblößte. Einmal wäre er dabei fast verhaftet worden, aber diese Gefahr des Ertapptwerdens gehörte offenbar auch zum Reiz seines schäbigen Tuns.

Peinliche Thematik

Diese Ausdrucksform der Sexualität war allerdings, wie Weinzierl zeigt, im leger-toleranten Klima der Jahrhundertwende nicht akzeptabel, sondern nur peinlich. Deswegen hielt Zweig seine gelegentlichen Abwege geheim; nur seine Frau Friederike und wenige Freunde wussten darüber Bescheid. Aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit wurde es wohl doch weiter erzählt, sodass selbst Thomas Mann, der mit Zweig nicht befreundet war, davon gehört hatte. Und wir wissen es dank Ulrich Weinzierl jetzt auch.

Wer das indiskret findet, möge bedenken, dass Stefan Zweig selbst leidenschaftlich an allen Spielarten des Sexuallebens interessiert war. Er beschäftigte sich intensiv mit Freuds Psychoanalyse, aber es war doch wiederum ein Satz von Nietzsche, den er zur Rechtfertigung seines Interesses am Erotischen zitierte: "Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reichen bis in die letzten Gipfel seines Geistes hinauf."

Im Sinne dieser Erkenntnis ist es zu begrüßen, dass Weinzierl nun Zweigs Geschlechtlichkeit durchleuchtet hat - zumal er das nicht klatschspaltenhaft oder skandallüstern tut, sondern kenntnis- und gedankenreich.