Tiere bahnen den Weg

Um die beim Abschuss auftretenden Kräfte zu testen, schießt man im Roman eine etwa 80 Zentimeter durchmessende Hohlkugel mittels Mörser in die Luft. Der kurze Parabelflug endet im Meer. Rasch geborgen, springt die eingeschlossene Katze heraus - "ein wenig gequetscht, aber lustig und munter". Das mitfliegende Eichhörnchen hat sie verspeist. Tatsächlich werden ab 1957 zunächst Hunde, Ratten, Mäuse und Fliegen in den Erdorbit aufsteigen, um die Bedingungen während eines Raumflugs auszuloten. Erst dann folgt der Mensch.

Vernes Columbiade beschleunigt ihr Geschoß in wenigen Augenblicken auf 11 km/sek. In Wahrheit hätten die Passagiere keine Überlebenschance. Sie würden mit dem Zwanzigtausendfachen des eigenen Körpergewichts zu Boden gedrückt. Bei Raketenstarts ist die Beschleunigung erträglich, weil das Tempo nicht abrupt, sondern nach und nach zunimmt: Die Triebwerke der dreistufigen Saturn V feuerten in Summe 17 Minuten lang, um die Apollo-11-Astronauten auf Mondkurs zu bringen.

Die elektrisch vorgenommene Kanonenzündung erfolgt am 1. Dezember, genau um 22:46:40 Uhr. Die letzten Sekunden zählt man aufwärts und nicht - wie später üblich - abwärts. Schlagartig verwandeln sich 180 Tonnen Schießbaumwolle in sechs Milliarden Liter Gas. Man hört einen fürchterlichen Knall und erblickt eine "himmelshohe Feuersäule". Die Erde bebt.

Laut den Berechnungen sollen die drei Romanfiguren nach 97 Stunden Flug beim Mond anlangen. Auch die Astronauten der Apollo-11-Mission werden vier Tage benötigen. Vernes Gun-Club hat dem Observatorium von Cambridge, Massachusetts, ein Rekordteleskop von 4,9 Meter Spiegeldurchmesser finanziert. Man errichtet es auf einem hohen Berg. Verne nimmt damit gewissermaßen das 5,1-Meter-Teleskop auf dem kalifornischen Palomar Mountain vorweg: 1948 eingeweiht, bleibt es fast drei Jahrzehnte lang das mächtigste optische Instrument der Welt. Mit Vernes fiktivem Riesenteleskop glaubt man, die Kapsel zu erspähen. Sie hat den Mond aber nicht getroffen, sondern scheint dazu verdammt, ihn "bis zum Ende der Jahrhunderte" zu umkreisen.

Vernes Genre sind Novellen über außergewöhnliche Reisen. Der Mondflug reiht sich da vortrefflich ein. Seit langem macht sich der Franzose immer wieder Notizen, in Bibliotheken oder nach dem Gespräch mit Forschern. Jetzt nützt er sein Wissen, um ausführlich auf die Entwicklung der Kanonen und der Fernrohre einzugehen. Er erzählt von der Entstehung des Sonnensystems, den Eigenschaften des Mondes und von dessen teleskopischer Erforschung. Verne ist ein Pionier des wissenschaftlichen Romans, ein Gründervater der Science Fiction. Er selbst sieht sich nicht als Prophet. Dennoch gewähren ihm seine Recherchen und seine Imagination nicht selten sehr realistische Blicke in die Zukunft.

1869 setzt der Autor seinen Roman mit "Autour de la Lune" ("Reise um den Mond") fort. In diesem Werk umrunden die bereits bekannten Abenteurer den Mond, um danach wieder Richtung Erde zu stürzen. Auch hier nimmt der Autor etliche Elemente des Raumfahrtzeitalters vorweg - wie den feurigen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre oder die Wasserung auf dem Ozean. Doch das ist eine andere Geschichte.