Eine Schrift, die nicht gelesen werden kann, und inexistente Pflanzen als Illustration. - © wikipedia
Eine Schrift, die nicht gelesen werden kann, und inexistente Pflanzen als Illustration. - © wikipedia

Es ist das seltsamste Buch der Welt: ein Buch, das man nicht lesen kann, mit Illustrationen, die man nicht deuten kann.

Unbekannt ist die Schrift.

Unbekannt ist die Sprache.

Unbekannt sind die in den Illustrationen dargestellten Gewächse.

Unbekannt ist der Verfasser.

Benannt ist das Buch, das sich seit 1969 unter Katalognummer MS 408 im Bestand der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University befindet, nach Wilfrid Michael Voynich, der das Manuskript 1912 erwarb.

Datiert wird das Manuskript auf die Zeit um 1500. Doch die Spekulationen, worum es sich beim Voynich-Manuskript handeln könnte, gehen weit auseinander: ein Kompendium des mittelalterlichen Wissens, ein alchimistisches Werk, Aufzeichnungen geheimen Wissens. Oder am Ende ein genialer Scherz, ein Unsinnsbuch? Oder vielleicht gar eine Fälschung? Und überhaupt: Wer könnte dahinterstecken - hinter dem Buch, wenn es echt ist, hinter dem Scherz, hinter der Fälschung?

Für kurze Zeit sah es im Vorjahr so aus, als würde sich das Geheimnis lüften: Der Botaniker Arthur O. Tucker und der Informatiker Rexford H. Talbert behaupteten, den Schlüssel zum Geheimnis des Voynich-Manuskripts gefunden zu haben. Sie argumentieren, einige Pflanzendarstellungen hätten große Ähnlichkeit mit südamerikanischen Gewächsen, somit könne das Buch in einer Sprache der indigenen Völker Südamerikas verfasst sein.

Selbst Computer scheitern

Doch mittlerweile hat Gordon Rugg von der Keele University in Großbritannien abgewunken: "Setzen Sie sich mit einer entsprechenden Software vor einen Computer und lassen Sie sich 50 völlig fiktive Fantasiepflanzen zeichnen - ich bin ziemlich sicher, dass es für rund 20 von ihnen irgendwo auf der Welt Entsprechungen geben wird." Außerdem, meinen weitere Experten, wäre im Fall einer südamerikanischen Sprache längst zumindest eine teilweise Entzifferung gelungen. Das Voynich-Manuskript indessen widersetzt sich erfolgreich allen Decodierungsversuchen.

Schon an der Schrift sind Kryptographie-Experten und sogar hochspezialisierte Computerprogramme gescheitert. Dass es sich um Wörter handelt, scheint offensichtlich. Aber es gelingt einfach nicht, Zusammenhänge herzustellen. Es ist, als spiegle sich in der Kunstschrift eine Kunstsprache.

Alles an diesem Buch ist verwirrend und geheimnisvoll. Ganz klar ist nicht einmal seine Provenienz. Zumal der Mann, der es entdeckt hat, über eine schillernde Biografie verfügt: Michał Habdank-Wojnicz, am 31. Oktober 1865 in Hrodna (Weißrussland) geboren, kämpft in der polnischen Nationalbewegung für die Befreiung Polens von Russland. Ohne Prozess wird er zwei Jahre lang inhaftiert. Wieder in Freiheit lernt er seine spätere Frau Ethel Boole kennen, Tochter des englischen Mathematikers George Boole, Musikerin und fanatische Antizaristin. Dann wird Wojnicz nach Sibirien verbannt, doch auf abenteuerlichen Wegen gelingt es ihm, nach England zu entkommen, wo er sich nun Wilfrid Michael Voynich nennt. Er eröffnet ein Antiquariat, das gewiss auch Bücher verkauft. Doch der primäre Zweck dürfte eine Geldwaschanlage für russische und polnische Freiheitskämpfer gewesen sein.

1902 heiratet Voynich Ethel, mit der er seit 1890 zusammengelebt hatte. 1915 lässt sich Voynich in New York nieder, wo er ebenfalls ein Antiquariat eröffnet. Seine Frau folgt einige Jahre später, doch die beiden gehen nun getrennte Wege.

1929 erkrankt Voynich bei einem Besuch in England an einer Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr erholt. Er stirbt am 19. März 1930 in New York.

Zweifelhafte Provenienz

Der Fund, der ihn berühmt machte, gelang ihm 1912. In der Villa Mondragone, dem Jesuiten-Kolleg in Frascati in den Albaner Bergen nahe Rom, stöbert Voynich das bewusste Manuskript auf. Das ist die Geschichte, wie Voynich sie überliefert hat - und die Frage ist, ob man ihn für glaubwürdig hält.

Auf der ersten Seite des Manuskripts finden sich jedenfalls die einzigen lesbaren Worte auf den 102 Pergamentblättern, der Namenszug "Jacobj ’a Tepenece".

Jakub Horcicky de Tepenec war Hofpharmazeut Kaiser Rudolf II. in Prag, von diesem wegen seiner außergewöhnlichen botanischen Kenntnisse an den Hof berufen. War Horcicky der Besitzer des Buchs? Oder Kaiser Rudolf selbst? Es hält sich das Gerücht, der Kaiser habe Roger Bacon für den Urheber gehalten. Auch der englische Mathematiker, Mystiker und Magier John Dee wird in diesem Zusammenhang als vermuteter Urheber genannt - immerhin schuf Dee gemeinsam mit seinem Medium Edward Kelley die "Engelssprache", das Henochische - mit einem eigenen Alphabet. In diesem Fall ist die Schrift allerdings entziffer- und die Sprache übersetzbar.

Um 1600 bat der Prager Alchemist Georg Baresch den deutschen Universalgelehrten Athanasius Kircher um eine Entschlüsselung. Kircher galt als Experte der Textentschlüsselung - und dass seine Lesung der ägyptischen Hieroglyphen ein Fantasiegebilde war, weiß man erst durch Jean-François Champollion (1822). Kircher scheint auf Bareschs Brief jedoch nie eingegangen zu sein. Danach verliert sich die Spur des rätselhaften Buchs bis zur Auffindung durch seinen Namenspatron.