"Cicero könnte heute nicht brillieren", sagt Robert Harris. - © Heyne/Peter Felbert
"Cicero könnte heute nicht brillieren", sagt Robert Harris. - © Heyne/Peter Felbert

Marcus Tullius Cicero. Ja, das ist der aus der Latein-Schularbeit. Das ist aber auch der aus den Politthrillern von Robert Harris. Der britische Bestsellerautor ("Vaterland", "Pompeji", "Ghostwriter") hat sich den schillernden römischen Redner und Politiker als Hauptperson seiner Trilogie über das Zerbrechen der Römischen Republik ausgesucht. Nun erschien der letzte Teil, "Dictator". Mit der "Wiener Zeitung" sprach der ehemalige Politjournalist darüber, was Politikern heute fehlt und warum das römische Schicksal sich immer wiederholen kann. Dazwischen fragte er, ganz der Brite, angewidert, was das bitte sein soll. Es war ein Teebeutel.

"Wiener Zeitung": Wie viel Cicero können wir denn in unserer heutigen Zeit finden?

Robert Harris: Nun, auf der einen Seite könnte unsere Zeit nicht unterschiedlicher sein: Wir leben in einer Welt voller Staaten, mit zentralisierten Gesetzen. Nichts davon gab es zu Ciceros Zeit, da gab es nur mächtige Individuen. Was mich an dieser Epoche so fasziniert, ist, dass sie der Geburtsort der modernen Politik war. Man konnte klarer sehen, wie die Macht funktionierte. Aber natürlich gibt es Ähnlichkeiten: Schon auf den ersten Seiten von "Dictator" geht es um Massenmigration. Oder darum, dass Demokratie mit Streitkräften und nationaler Sicherheit nicht zu vereinen ist, dass Geld das System korrumpiert.

Bleiben wir einmal bei den Unterschieden: Cicero hat nicht rumgeeiert. Heute ist so etwas in der Politik nicht mehr üblich . . .

Ja, Ciceros Reden dauerten zwei Stunden, er sagte, Redekunst, die nicht aufschreckt, ist keine Redekunst. Für ihn war Politik eine Performance, eine Vorstellung, die mit großen Ideen und Themen gespickt war. Heute ist das geschrumpft auf kurze Einspieler in den Nachrichten. Politiker spielen ein Verteidigungsspiel. Niemand will etwas Kontroversielles sagen, es geht nur darum, niemanden zu beleidigen, denn wir leben in einer Zeit, in der jeder, mehr als alles andere, das Recht hat, beleidigt zu sein. In Rom war das nicht so, da wurden die Beleidigungen hin- und hergeschossen. Es war eine pulsierendere Politik damals, unsere ist eingefroren.

Die einzigen Politiker, die heute eine Performance liefern, sind Populisten . . .

Richtig, bei uns in Großbritannien ist der Bürgermeister von London, Boris Johnson, so ein Performer. Meistens sind es rechte Populisten, sie fühlen sich freier zu sagen, was sie im Kopf haben, stören sich weniger daran, wen sie beleidigen könnten. Die meisten Politiker heute sind Manager.

Ist das der Grund, warum Politik heute auch langweilt?

Sie hat nicht die Lebendigkeit wie in der Römischen Republik. Die Macht ist heute aber auch auf so viele andere Bereiche aufgeteilt: auf die Medien, die Technologie, Finanzinstitutionen. Es ist sehr schwer für Politiker, heute etwas zu verändern. Ich habe gelesen, dass jemand eine Lithium-Batterie entwickelt hat, die fünfmal leichter ist als bisherige und die so viel Energie hat, dass man von London nach Edinburgh fahren kann. So etwas hat Auswirkungen auf die Welt. Politiker können das nicht schaffen. Sie können das dann nur regulieren und besteuern.

Finden Sie, dass traditionelle Medien heute noch Macht haben?

Ja, jede Stimme kann eine Debatte beeinflussen oder gestalten. Das hat sich zwar mit den Sozialen Medien verändert, aber letztlich gehen auch viele Debatten in den Sozialen Medien von klassischen Zeitungen aus. Wobei die Sozialen Medien auch so eine Art Hallraum sind, in dem sich gleichgesinnte Gruppen einreden, dass sie wichtig sind, obwohl sie das nicht sind.

Erlebt die EU gerade einen römischen Moment - in Sachen Selbstzerstörung?

Alle politischen Karrieren enden im Scheitern, nichts hält ewig, alle Institutionen sind geboren, um zu zerfallen. Die EU ist das Opfer eines Paradoxons: Sie wurde gegründet, um Staaten näher aneinander zu binden, und das hatte den kuriosen Effekt, dass sie sie nun weiter auseinander treibt. Es stellt sich die Frage, ob die EU zu gigantisch ist, sie ist ja eher ein Mosaik, sie funktioniert nicht als ein Ganzes - macht sie ihre Größe allein schon verwundbar? Das waren alles Fragen, die sich auch die Römische Republik stellen musste. Sie hatte ein Monopol auf technische Zivilisation, auf Kultur, auf militärische Macht, und trotzdem ging sie zugrunde. Es wirft auch die Frage auf: Ist Demokratie wirklich die natürliche Staatsform für den Menschen? Oder ist das nur etwas, das für kurze Perioden existiert, bevor es wieder verschwindet? Sieht man sich die menschliche Entwicklung an, dann gibt es Demokratien noch nicht sehr lange. Versuche, sie in Afrika oder im Nahen Osten zu etablieren, haben im Desaster geendet. Aber deswegen ist die Römische Republik so faszinierend: Da hatte man Figuren wie Cicero, Cato, Cäsar, Pompeius, Crassus alle zur gleichen Zeit im Senat, und trotzdem ist das Ganze zusammengebrochen. Wer kann schon sagen, ob wir nicht gerade dasselbe erleben.

Eine Konstante über die Jahrhunderte bleibt die Korruption.