"Fremd bin ich eingezogen" - mit dieser Zeile beginnt ein Meisterwerk der Liedkunst. Die "Winterreise" wurde im frühen 19. Jahrhundert von Wilhelm Müller gedichtet und von Franz Schubert genial vertont. Der britische Tenor Ian Bostridge, einer der bedeutendsten Interpreten dieses Liederzyklus, setzt sich in einem neuen Buch detailliert mit jedem einzelnen Text der 24 Lieder auseinander und sieht Müller vom britischen Lyriker Lord Byron beeinflusst. Bostridge liefert eine Fülle persönlicher Assoziationen sowie historischer Informationen, insbesondere zum Leben Schuberts. Am ausführlichsten fallen seine Kapitel zum ersten Lied, "Gute Nacht", und zum sicherlich bekanntesten Lied, "Der Lindenbaum", aus.

In den Texten dominieren Gefühle, die Schubert selbst vermutlich noch stärker empfand als Müller. Ein zunächst liebender, dann enttäuschter junger Mann wandert in zunehmender Verzweiflung durch eine immer kälter werdende Welt und lässt seine Gedanken immer wieder um sozialen Absturz, Altern und Tod kreisen. Liedüberschriften wie "Gefrorne Tränen", "Erstarrung", "Irrlicht", "Einsamkeit", "Der greise Kopf" oder "Letzte Hoffnung" sprechen Bände.

Bostridge erläutert, wie grandios in der "Winterreise", aber auch in anderen Schubert-Vertonungen Text und Musik verschränkt sind. Er zeigt Beziehungen über ganze Epochen auf, etwa die Verwandtschaft zwischen Schuberts Leiermann und Bob Dylans Tambourine Man. Gut ausgewählte Illustrationen erhöhen die Qualität des Buches, das originellerweise "der schönen Müllerin" gewidmet ist.

Sachbuch

Schuberts Winterreise. Lieder von Liebe und Schmerz

Ian Bostridge

C.H.Beck, 404 Seiten, 30,80 Euro