"Wenn wir uns treffen, oder wenn du anrufst, begrüße ich dich immer, als wärst du ein Freund. ,Hallo!‘, sage ich. Deinen Vornamen spreche ich nicht aus. ,Hallo, Peter!‘ - das wäre komisch. ,Hallo, Papa’ würde ich sowieso nie rauskriegen. Ich nenne dich manchmal ,Dad‘ (obwohl das eigentlich englisch ist) oder ,Vater‘ (obwohl das ein bisschen unpersönlich ist), aber nur, wenn ich nicht mit dir, sondern über dich spreche, zum Beispiel mit meiner Mutter. Dann sage ich ,mein Dad‘ oder ,mein Vater‘. Dir gegenüber kriege ich auch ,Dad‘ oder ,Vater‘ irgendwie nicht raus. Also: Hallo!".

Mit diesen Zeilen eröffnet der zehnjährige Jonas Kaurek einen Brief an seinen Vater - den er so gut wie nie sieht, der auf die SMS zum Vatertag nicht antwortet, der ihn kommende Weihnachten vielleicht anrufen würde, vielleicht aber auch nicht.

Wie viel Vater braucht man?


Jonas befindet sich damit in einer Situation, wie weltweit viele andere Burschen und Mädchen auch. Was ihn allerdings von all den anderen Kindern unterscheidet: Er wendet sich mit seinen intimsten Gedanken und Fragestellungen an die breite Öffentlichkeit - in Form eines 112 Seiten langen Buchs - und wird damit stellvertretend für alle anderen vaterlosen Kinder zu einem wichtigen Sprachrohr ihrer Anliegen, Träume und Ängste.

Doch wie viel Vater braucht ein Kind eigentlich? Wie bedeutsam ist diese Rolle, die sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte so extrem gewandelt hat? Und kann es einen Ersatz geben?

"Der kindliche Organismus ist extrem pragmatisch. Vater oder Mutter ist eine soziale Funktion, keine genetische", betont Martina Leibovici-Mühlberger, Psychotherapeutin und Expertin in Erziehungsfragen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Dabei handelt es sich um einen sich ständig entwickelnden Beziehungsprozess, der auch außerhalb der leiblichen Familie stattfinden kann, zum Beispiel durch besonders mütterliche oder väterliche Lehrer. Über diese soziale Funktion sollten wir als Gesellschaft nachdenken, um jüngere Menschen angesichts der hohen Anzahl fragmentierter Elternhäuser schützend, stützend und begleitend zur Seite stehen zu können, so die Psychologin.

Allerdings verspüren Kinder einen starken Drang, mit ihren biologischen Eltern eine Einheit bilden zu können. Deswegen interessieren sie sich auch immer wieder für das Warum, wenn sich, in den meisten Fällen der Vater, nach einer absolvierten Trennung abgewendet hat. Eine enge Bindung sei evolutionsbiologisch von Bedeutung - auch in der Natur, so die Expertin. "Man ist zu zweit stärker als alleine." Doch meist würden Angst, aber auch Feigheit überwiegen, mit dem eigenen Kind wieder in Kontakt zu treten.

"Für mich braucht kein Vater Angst vor seinem Sohn oder seiner Tochter zu haben. Es ist allerdings auch schwer, jemand anderen ganz zu verstehen, denn alle Menschen sind anders. Alle leben in ihrer eigenen Welt, machen ihre eigenen Erfahrungen und wissen nicht, wie es ist, andere Erfahrungen zu machen. Ich zum Beispiel weiß nicht, wie es ist, ohne Brille gut zu sehen", versucht Jonas in seinem Brief, Argumente zu finden.

Schwierige Identitätsfindung


Für Kinder sei die Präsenz des Vaters wichtig - für den Sohn allerdings anders als für die Tochter. Während er für Mädchen der erste Mann im Leben ist, zu dem eine Liebesbeziehung aufgebaut wird, bekommt der Sohn vorgelebt, was es heißt, einmal Mann zu sein. Er kann sich am Vater messen, mit ihm wachsen, sich vergleichen, Sicherheit spüren und Kameradschaft erleben. Dazu braucht man auch tatsächlich den Vater an der Hand - nicht einen Onkel, den man alle drei Wochen sieht.

Gerade in der heutigen Zeit ist es für Burschen nicht einfach, die männliche Identität zu finden. Während Väter früher klar als Erhalter fungierten und die Bindung durch Autorität, Gehorsam und Gefolgschaftstreue erzielt haben, finden sich heutzutage viele unterschiedliche Rollenmodelle. Vom Macho bis zum metrosexuellen Mann reicht hier die Palette. Damit gestaltet sich die Orientierung für junge pubertierende Burschen immer schwieriger. "Der heutige Mann soll einerseits Mistkübel ausleeren, die richtige Windelgröße der Kinder memorieren, die Arzttermine ausmachen, aber gleichzeitig noch wie Rambo über die Leinwand turnen", erklärt Leibovici-Mühlberger. Daher sei es äußerst schwierig für junge Burschen, hier eine Identität zu finden.

Wiewohl sich die Vaterrolle in den vergangenen Jahrzehnten grundsätzlich von der Erhalter- zur Beziehungsfigur gewandelt hat. Dabei kommt offenbar auch der Emanzipation ein entscheidender Beitrag zu. Die Familienkassa aufzufüllen, ist auch ein Thema für die Frauen geworden. Denn Emanzipation bedeutet selbstverständlich auch wirtschaftliche Unabhängigkeit. Daraus ist der sogenannte Beziehungsvater als neuer Prototyp entstanden, der in der heutigen Gesellschaft immer mehr gefordert wird. Immer häufiger beschließen Männer, für ihr Kind in Karenz zu gehen. Das Stadtbild hat sich durch Väter, die Kinderwagen vor sich her schieben, stark gewandelt. Sie bauen mit ihrem Nachwuchs Sandburgen und lesen vor dem Einschlafen Geschichten vor.