Der Dichter hat sein Unglück, das wunschlose, schon hinter sich. Dem Rennfahrer steht das seine als flammendes Inferno noch bevor. Der Dichter ist noch jung, befindet sich in seiner sportlichen Phase und hat nach dem Fußball, dem er ein Buch über die Penaltyphobie eines Tormanns gewidmet hat, die Formel 1 als Objekt der Literarisierung entdeckt. Wenn er über die Formel 1 schreibt, dann ist das so, als würde der Rennfahrer in aller Öffentlichkeit über die Innenwelt der Außenwelt seiner Innenwelt berichten.

Eine asketische Angelegenheit. So wie Mineral ohne. Ohne Kohlensäure nämlich. Zumindest so viel Indiskretion gestattet sich der Dichter, dem Leser das Alltagsgetränk des Fahrers zu verraten. Und dass er dazu ein Steak isst. Ansonsten gibt’s da nichts für Klatsch und Tratsch, Sigi Bergmann bat ihn nicht für "Sport am Montag" ins Studio. Der Nürburgring war als Ort der Geschichte klug gewählt. Keine Rennstrecke eignet sich für einen deutschen Dichter österreichischer Provenienz, der sich eingebildet hat, über einen österreichischen Rennfahrer mit deutschem Trauma zu schreiben, besser als der Eifelkurs.

Der Text ist ein leicht gekürzter Abdruck aus dem Buch "Autos, Helden und Mythen - Eine Kulturgeschichte des Automobils in Österreich" von Thomas Karny und Matthias Marschik, erschienen im Verlagshaus Hernals, Wien 2015.
Der Text ist ein leicht gekürzter Abdruck aus dem Buch "Autos, Helden und Mythen - Eine Kulturgeschichte des Automobils in Österreich" von Thomas Karny und Matthias Marschik, erschienen im Verlagshaus Hernals, Wien 2015.

"Rekordrunde"

1973 hat es den Rennfahrer wegen einer angeknacksten Hinterradaufhängung am Bergwerk in die Böschung geschleudert, im Jahr darauf war er bei einem gewagten Überholmanöver mit zu kalten Reifen gleich in der zweiten Kurve ins Out gerutscht. Der Nürburgring ist nichts für ihn. Dachte man bis 1975. Aber im Abschlusstraining glüht er volles Rohr, die Uhr kommt nicht weiter als bis 6:58,6. Der Dichter passt das Wort "Rekordrunde" in den Text ein. Das Publikum, auf dessen Beschimpfung sich der Dichter versteht, setzt sich aus zweihunderttausend "nicht einmal gerichtsbekannten" Bierbäuchen und "Frauen mit über der Leere ihres Lebens verschlossenen Gesichtern" zusammen. Aber dieser trostlose Haufen ist aus dem Häuschen. Noch nie war jemand unter sieben Minuten zum Start zurückgekommen!

Im Rennen wird er Dritter, in Monza fixiert er vorzeitig seinen ersten WM-Titel. Der Dichter befindet zum Ende des Deutschland-Wochenendes, dass gefährlicher, als Rennen zu fahren, "auf die Dauer aus dem Fenster zu schauen" sei. Der Rennfahrer wird auf selber Strecke ein Jahr später des Dichters Ansicht korrigieren.

Ausgerechnet - Sie haben es längst erraten - Peter Handke war es, der aus seinem Elfenbeinturm herabgestiegen war auf den heißen Asphalt der Rennstrecke, um Niki Lauda den Text "Das Öl des Weltmeisters" zu widmen. Er findet sich als eine Art Vorwort in einer frühen, von Günther Effenberger verfassten Biografie über den nachmaligen dreifachen Formel-1-Champion.

Mit Ausnahme von Sachbüchern, Biografien und fast anekdotenhaften Gebrauchs- und Verhaltensanleitungen aus der Frühzeit des Automobils fand selbiges selten Einzug in die heimische Literatur. Und wenn, dann ist ihr Stoff meist der Rennszene entnommen. Das 1973 erschienene Jugendbuch "Der Sieger" von Karl Bruckner entsprach in seiner Thematik der damaligen Rennsportbegeisterung, die nach Jochen Rindts Tod durch Helmut Marko, Dieter Quester und vor allem Niki Lauda wieder in Schwung gekommen war. Dementsprechend ziert das Cover auch der Rennwagen mit dem jungen Wiener am Steuer, und an den Textteil des Romans schließt sich eine Fotostrecke mit Rennszenen, Boxenaufnahmen und Abbildungen damals bekannter Fahrer wie Graham Hill, Dennis Hulme und Carlos Reutemann an.

Wolf Haas veröffentlichte 1998 mit "Ausgebremst" einen unterhaltsamen "Krimi zur Formel 1", dessen Einstieg die Startaufstellung eines Grand Prix bildet, die ausschließlich mit Toten besetzt ist. Haas weist sich als höchst faktenreicher Kenner der Szene aus und setzt Rennstrecken, Rennteams, Fahrer und Spezifika ihres Outfits in einen schaurig-amüsanten Bezug zueinander. In seinem Roman "Senna lebt" (2005) erklärt der oberösterreichische Autor Walter Kohl in autobiografischen Rückblenden das Faszinosum Formel 1: "Wie man Fan wird, ist und bleibt".

Ein ausgesprochenes Naheverhältnis zu diesem Genre weist der u.a. mit dem Hermann-Lenz- und Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Salzburger Autor Walter Kappacher auf. Der gelernte Motorradmechaniker siedelte seinen frühen Roman "Die Werkstatt" (1973) zwischen Motorradwerkstätte und amerikanischen Stock-Car-Rennen an. Ulrich Weinzierl lobte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" diesen "Kosmos aus Schmieröl, Kolben, Zylinderköpfen und Schrauben" als "poetische Betriebsanleitung". Auch in "Ein Amateur" (1995) lässt Kappacher die Geschichte zwar um einen motorsportbegeisterten Mechaniker kreisen, entwirft dabei aber ein Bild von Österreich der erweiterten Nachkriegszeit, was sich gleichzeitig wie ein sensibler Nachhall der Arbeiterliteratur der 1970er und 1980er Jahre liest. Schon als Zwölfjähriger hatte er sich für Motorsport interessiert und jeden 1. Mai den "Großen Preis von Österreich" in seinem Wohnort Liefering besucht: "In der Werkstatt, in der ich die Lehre absolvierte, arbeiteten zwei Rennfahrer. Ich war knapp dran, auch Rennen zu fahren."