Eine Zeichnung von Pier Paolo Pasolini, dessen Leben auch ein Film von Abel Ferrara gewidmet ist ("Pasolini"), der derzeit im Wiener Gartenbaukino läuft.
Eine Zeichnung von Pier Paolo Pasolini, dessen Leben auch ein Film von Abel Ferrara gewidmet ist ("Pasolini"), der derzeit im Wiener Gartenbaukino läuft.

Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Ein schöner Satz. Aber stimmt er auch? Oder können ihn nur jene Glücklichen ohne Zweifel bejahen, die zwischen ihren Beinen Scheuklappen tragen?

Pier Paolo Pasolini , der in Rom gelebt hat, wo Ingeborg Bachmann starb, hat sich das wohl öfter und gründlicher als andere gefragt. Sein Werk als Schriftsteller und Filmregisseur - beginnend mit dem 1955 erschienenen Romandebüt "Ragazzi di Vita", in dem er das Leben der Subproletarier in den Vorstädten Roms por-trätiert, bis hin zu seinem 1975 gedrehten letzten Film, "Die 120 Tage von Sodom", in dem er den Faschismus mit apokalyptisch anmutenden Bildern seziert - umkreiste zeitlebens dieses Thema.

Schatten

Und sein Leben stand spätestens ab der zweiten Hälfte im Schatten dieser Frage. Dieser Schatten fiel zuerst 1949 im kleinen Ort Casarsa im Friaul auf ihn, wo er als 27-Jähriger wegen "obszöner Handlungen in der Öffentlichkeit" angeklagt wurde - er hatte bei einem dörflichen Tanzfest ein paar 16-jährige Burschen aufgerissen, und sich mit ihnen auf einer Wiese vergnügt. Pasolini kam glimpflich davon, aber er verlor seine Stelle als Lehrer und "floh" danach nach Rom. Und dort wurde der Schatten im November 1975 durch seine Ermordung zur finalen Finsternis.

Ist Pasolini, der bekennende Homosexuelle, damals wirklich von einem Strichjungen erschlagen worden? Oder wurde er, der Provokateur, der radikale Kritiker des Konsumzeitalters, der quälend unbequeme Intellektuelle, Opfer eines Auftragsmordes? Das wird möglicherweise niemals geklärt werden. Vielleicht, weil manche Wahrheit doch unzumutbar ist.

Zwei frühe, stark autobiographische Prosatexte, "Kleines Meerstück" und "Romàns", die Pasolini kurz nach dem Abschied aus Casarsa geschrieben hat, sind jedenfalls nun wiederentdeckt worden, und beide beleuchten bemerkenswert hell die Kindheit und frühen Jahre des 1922 in Bologna als Sohn eines Berufsoffiziers geborenen Dichters und Denkers.

Pasolini wuchs in der norditalienischen Tiefebene, zwischen Po und Tagliamento, auf, und dort, im fiktiven, viertausend Einwohner zählenden Ort "San Pietro", spielt auch die Erzählung "Romàns". Geographisch und zeitlich sind wir damit fast dort, wo Giovannino Guareschi kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Don Camillo und Peppone hingestellt hat. Auch die beiden Protagonisten in "Romàns" sind ein Katholik und ein Kommunist, aber bei Pasolini sind sie nicht verschlagen und zerstritten, sondern idealistisch und einander herzlich zugetan.