Die 1980er, der Anfang vom Ende: BRD und DDR streben in Richtung Wiedervereinigung - und mittendrin das Heckenheimer Reiseunternehmen Käfer, das von der Region um Stuttgart aus mit seinen Bussen die Welt erobern will. Rainer Doh erzählt in seinem neuen Roman Aufstieg und Fall einer Dynastie, in die ein scheinbarer Taugenichts einheiratet, der noch dazu keinen Stammhalter zuwege bringt, und die durch die neugewonnene Verwandtschaft aus dem Osten nachhaltig geprägt wird. Das Ganze erzählt im Stile eines englischen Clubhouse-Romans aus der Sicht eines befreundeten Steuerberaters, der zwar nicht zur Familie gehört, aber alles hautnah miterlebt.

Lug und Betrug (ehelicher wie geschäftlicher Natur) kommen dabei ebenso vor wie die große Wende-Euphorie und die windigen Ostgeschäfte, die damals mit Transferrubel und scheinbaren Immobilien-Okkasionen getätigt wurden. Und natürlich auch der westliche Blick auf die "Ossies", von denen man nicht so recht wusste, wie die nun tatsächlich tickten - und umgekehrt. Rainer Doh ist ein unterhaltsamer Roman gelungen, der keinen Anspruch auf authentische Wiedergabe der damaligen Ereignisse erhebt, aber doch ganz gut eine Ahnung davon vermittelt, wie die deutsche Wiedervereinigung im Westen erlebt wurde. Dass er dabei im Kapitel Fortpflanzung um jeden Preis eine Insemination fälschlicherweise als In-Vitro-Fertilisation bezeichnet, sei dem Autor großzügig verziehen. Dafür kennt er sich offenbar mit Steuerrecht und Betrugsgeschäften umso besser aus.

Rainer Doh: 1990 - Ganz andere Sorgen
Divan Verlag; 254 Seiten; 16,40 Euro