Auf seinem ukrainischen Landgut brach der melancholisch gewordene Graf Jan Potocki, Angehöriger einer hochgestellten Familie polnischer Magnaten, vom Deckel eines Samowars (andere Quellen nennen eine Zuckerdose) eine silberne Kugel ab. Er feilte sie so lange zurecht, bis sie in den Lauf seiner Pistole passte, und erschoss sich damit. Das geschah der Überlieferung zufolge vor 200 Jahren, am 2. Dezember 1815. So endete ein Leben tragisch, das überreich an geistigen und weltlichen Abenteuern, ausgreifenden Expeditionen und wissenschaftlichen Unternehmungen war.

Der 1761 geborene Pole Jan Nepomucen Graf Potocki war ein Universalgelehrter, der sich auf den vielfältigsten Wissensgebieten hervortat. Ausgebildet in Lausanne und Genf, bediente er sich seiner exzellenten Französisch-Kenntnisse nach Brauch des polnischen Hochadels im Alltag ebenso wie für die Abfassung seiner Werke. Der Freund der Enzyklopädisten in Paris war Historiker, Ethnograph, Forschungsreisender, Orientalist, Archäologe, Epiker - und vorzugsweise alles zugleich.

Ein erzählerisches Labyrinth

Jan Potocki schuf ein literarisches Labyrinth. - © wikipedia
Jan Potocki schuf ein literarisches Labyrinth. - © wikipedia

Als Sprachwissenschafter ging er der Vor- und Frühgeschichte der slawischen Völker auf den Grund und gilt seither als Pionier der Slawistik. Als Verfechter der Ideale der Französischen Revolution kämpfte er ab 1788 leidenschaftlich für die Unabhängigkeit der polnischen Nation. Nachdem fortschrittliche Reformpläne im Volksparlament, dem Sejm, 1792 die feindlichen Nachbarmächte auf den Plan gerufen hatten, beteiligte sich Potocki aktiv am bewaffneten Kampf gegen das zaristische Heer. Das hinderte ihn zehn Jahre später nicht daran, dem mit liberalen Reformen angetretenen Zaren Alexander I. seine epochale "Urgeschichte der Völker Russlands" zu widmen, wofür er zum Geheimrat des russischen Throns ernannt wurde. Indes, die Hoffnungen auf einen Reformkurs in St. Petersburg zerstoben und mit ihnen Potockis Ambitionen, nach der Rückkehr von einer russischen Expedition in die Mongolei eine Landkarte von Sibirien anzulegen, die das vierte Buch von Herodot dokumentieren sollte.

Sein Leben blieb weiterhin eine großartige Aventüre. Ausgedehnte Forschungsreisen hatten ihn durch ganz Europa, nach Nordafrika und in den Vorderen Orient geführt, worüber er anschauliche Reiseberichte verfasste. Im letzten Jahrzehnt vor seinem - durch eine schmerzhafte Krankheit ausgelösten - Suizid suchte er die Ernte seiner völkerkundlichen, geschichtlichen und literarischen Erfahrungen in einer überbordenden Sammlung disparater Erzählungen einzubringen, die ihn unsterblich machen sollte: im enzyklopädischen Schachtelroman "Die Handschrift von Saragossa".

Darin überquert ein junger flandrischer Hauptmann namens Alfons van Worden die spanische Sierra Morena, um in Madrid seinen Dienst beim König anzutreten. Doch unterwegs wird er von einer Fülle schön-schauriger Erlebnisse heimgesucht, die einerseits mit den Motiven der Gothic Novel, anderseits mit jenen der erotischen Fantasieliteratur angereichert sind.

Mysteriöse Begebenheiten widerfahren dem jugendfrischen Offizier, ein unablässiges Defilee seltsamer Gestalten kreuzt seinen Weg: Einsiedler und Vagabunden, hartnäckige Lebenskünstler, eingefleischte Propagandisten verschiedener Glaubensrichtungen, verschrobene Gelehrte, zaubermächtige Kabbalisten. Dazu gesellen sich Gestalten wie die des obskuren Räubers Zotto, des Ewigen Juden sowie ein zwielichtiger Zigeunerhauptmann, der allerhand bengalisches Feuer auf das Geschehen wirft. Allesamt sind sie bepackt mit einer Vielzahl von Geschichten, die wie in einem narrativen Stafettenlauf miteinander verbunden sind: Ein Erzähler gibt das Stichwort an den nächsten weiter, alle zusammen erfüllen ein Geschichtenprogramm von abgemessenen 66 Tagen.

Alfons wird wie der Leser in ein schier undurchdringliches Labyrinth wahrer und erfundener Abenteuer entführt, dessen geschickt eingefädeltes Ariadne-Rätsel erst am Ende aufgeklärt wird.

Islamische Initiation

In den Schlusskapiteln entpuppt sich die bizarre Abfolge von Schauergeschichten nämlich als groß angelegte Initiationsprüfung, bei der das einst aus Granada vertriebene maurische Herrschergeschlecht der Gomelez in dem inzwischen durch Heirat dem Islam nahegekommenen Offizier van Worden einen würdigen Nachfolger ihrer Dynastie zu finden meint. In einem historisch weit ausholenden Verschwörungscoup plant der lang entmachtete Kalif von Granada die Eroberung des Westens und damit die Weltherrschaft des Islam. Gestärkt wird er durch die Hoffnung auf Wiederkunft des "Mahdi", des verborgenen Imams seiner schiitischen Glaubensbrüder, dessen Aufgabe dem jungen Alfons van Worden zufallen soll. Die Initiationsriten, denen dieser unterworfen wird, ähneln in verblüffender Aktualität den immergleichen Verführungsmitteln der Proselytenmacher: So versprechen dem vazierenden Offizier zwei schöne Mauretanierinnen die Wonnen vollendeten Liebesglücks. So ängstigen den naiven Wanderer zugleich grausame Tötungsrituale und ein abscheulicher Leichenkult. Unausgesetzt werden ihm diesseitige Schrecken und jenseitige Wonnen vorgegaukelt. Vor allem aber sorgen unerschöpfliche Bodenschätze, über die der Islam-Clan der Familie Gomelez verfügt, für die nötigen Finanzmittel, um deren Welteroberungspläne in die Tat umzusetzen. Historisch bedingt sind es nicht Erdölquellen, sondern reichhaltige Goldadern, die dem unheiligen Zweck der Zwangsbekehrungen dienen sollen.