So vertraut war Potocki mit der islamischen Historie, dass er den innerislamischen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten als Hintergrundfolie wählte. Den Scheich der Gomelez lässt er anschaulich über dessen erste Reise nach Madrid berichten: "Zum ersten Mal im Leben sah ich eine christliche Stadt. Die Freiheiten der Frauen verblüfften mich, und ich war empört über die Leichtfertigkeit der Männer. Sehnsüchtig verlangte ich danach, mich in einer mohammedanischen Stadt niederzulassen. Ich wollte nach Istanbul gehen, dort als Unbekannter im Überfluss leben und von Zeit zu Zeit wieder die
Höhlen aufsuchen, um meine
Mittel aufzufrischen. Dies waren meine Pläne."

Als eine des islamischen Orients kundige "Scheherazade der Aufklärung" kann Graf Potocki als Erzähler gelten. Sein schillerndes Geschichtenkaleidoskop war bewusst nach dem berühmten
orientalischen Vorbild als "Tausendundeine Nacht des Abendlandes" angelegt. Darin wird mit feinnerviger Ironie, makabrem Sarkasmus und vielschichtiger satirischer Dialektik versucht, den Nachtmahr des europäischen Rationalismus wie einen Vampir auszutreiben: den Anspruch einer absolut gesetzten Religion auf Alleinherrschaft über die Lebensgestaltung.

Religionen auf dem Prüfstand

Drei Religionen - die christliche, jüdische und mohammedanische - werden auf den parodistischen Prüfstand gestellt, alle drei sind mit ihrem Wunderglauben und mystischen Irrationalismus der Macht der Aufklärung unterlegen. Am Ende siegt die Natur über die Geschichte, indem die Schätze der Familie Gomelez bei einer Explosion großteils zerstört werden. Alfons aber bleibt mohammedanisch vermählt (zwei Frauen!), seine Kinder wachsen mit dem doppelten Glauben von Christentum und Islam auf. So überliefert es Alfons Bericht: eben die "Handschrift von Saragossa". Ein Fundstück exzentrischer europäischer Erzählkunst.