Wo sich christliche Überlieferung, heidnisches Brauchtum und eine liebgewonnene, regionale Tradition treffen, entsteht eine zugleich naive, aber auch tief empfundene, ehrliche und solcherart beeindruckende Gläubigkeit. Bei uns zu Hause war es nicht anders als bei vielen anderen Familien. Alle Jahre wieder stellte mein Vater die Krippe und die Figuren aus dem Erzgebirge in der Nähe des sorgfältig aufgeputzten Christbaums auf. Die Krippenfiguren beschränkten sich dabei auf Josef, Maria und das Jesuskind, einige Schafe und die Hirten samt ihrem Hund. Die Heiligen drei Könige mit ihren Gaben aus dem Morgenland waren erst im Anmarsch. Im Respektabstand zu diesem heiligen Ort durften sich offenkundig heidnische Figuren wie ein Nussknacker, ein Räuchermännchen und andere illus-tre Gestalten aufhalten. Tatsächlich aber vermischen sich zu Weihnachten die Lichtkulte des Mithras, die nordischen Julfeiern und Baumkulte mit der Überlieferung des Evangeliums.

Daher hat der Theologe und Philosoph Martin Bolz Recht, wenn er konstatiert, dass die Geschenke das Wichtigste sind, weil sie rund um Weihnachten "die entscheidende Rolle" spielen. Aus Sicht der Kinder trifft diese Analyse allemal zu, vermutlich aber auch aus jener vieler Erwachsener. Daher hat Bolz der "Geschenke-Sophie" mit ihren Packerln ein Foto und ein ganzes Kapitel seines "Evangeliums für Arme" gewidmet. Natürlich könnte man diese Sophie unschwer als konsumorientiertes Kitschwesen und problematische Nippes-Existenz mit ihrer Weihnachtsmütze identifizieren, aber gleichwohl beharrt Bolz darauf, dass sie keine bloße Randfigur ist. Denn symbolisch haben das Schenken und der freiwillige Gütertransfer zu Weihnachten für viele Menschen einen höheren Stellenwert als das vom Markt zum bloßen Brimborium degradierte Heilsgeschehen der Geburt Christi. Dass das nicht so sein müsste, steht auf einem anderen Blatt.

Bolz hat bereits eine bemerkenswerte Reihe von Büchern unter dem Titel "Kinderwelten" vorgelegt, die seit 2008 im Josefstädter LIT-Verlag erscheint. In Band 16 geht es um ein Thema, das mit der Welt der Kinder in einer besonders engen, phantasievollen Beziehung steht: Krippenfiguren und ihre überraschende Rolle im breiten Spektrum von Andacht bis hin zur Vulgarität und Obszönität. Ja, auch das gibt es, eine Figur, die sich unweit der Krippe erleichtert. Die reinen Fakten am Schnittpunkt der Evangelien sind ja allgemein bekannt: Herbergssuche anlässlich einer Volkszählung und eine Geburt im rustikalen, wenig luxuriösen Umfeld.

Nichts anderes berichten die Evangelisten - und was der Volksmund ergänzt und überliefert, zählt laut Bolz zur "narrativen Theologie", die er mit zahlreichen Fotos erläutert und mit den erstaunlichsten Geschichten aus dem Fundus seines profunden Fachwissen bereichert.

Martin Bolz

Ein Evangelium der Armen Kinderwelten Bd. 16, LIT-Verlag, Wien 2015, 84 S. 39,90 Euro.