Liebt das Spiel mit Andeutungen: Javier Marías. - © Apa/B. Gindl
Liebt das Spiel mit Andeutungen: Javier Marías. - © Apa/B. Gindl

"In einem meiner Romane habe ich geschrieben: Es kommt der Moment, in dem es schwierig ist, das, was man gelesen hat, zu trennen von dem, was man erlebt hat. Beides sind Erfahrungen", erklärte der spanische Schriftsteller Javier Marías kürzlich in einem Interview und brachte damit einen Hauptwesenszug seines neuen Romans auf den Punkt. Der inzwischen 64-jährige Madrilene, der Mitte der 1990er Jahre nach dem Erscheinen seines Romans "Mein Herz so weiß" von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" für den deutschen Sprachraum entdeckt wurde, erweist sich erneut als großer Fährtenleger, als Meister der Andeutung und als exponierter Vertreter des Pensamiento literario (dt. literarisches Nachdenken) - eine Art philosophisches Erzählen. Im Mittelpunkt seines neuen, bereits 14. Romans stehen der Filmregisseur Eduardo Muriel und sein junger Privatsekretär Juan de Vere. Wir bewegen uns zumeist in der Epoche der "Transición", also in der Zeit des schwierigen Übergangs von der Franco-Diktatur zur Demokratie. Eduardo ist ein launischer und leicht exaltierter Typ, der sein geschädigtes Auge hinter einer auffälligen Klappe verbirgt, und der sich gerne auf den Fußboden legt, um dort auf kreative Schübe zu warten. Selbstverständlich steckt jede Menge Marías in der Figur des kapriziösen Künstlers. Auch der Autor ist auf einem Auge beinahe blind, und in einem Interview räumte er unlängst ein: "Ich liege auf dem Fußboden, um fernzusehen oder nachzudenken. Das ist gar nicht so übel da unten auf dem Boden!" Und auch im jungen, sprunghaften Privatsekretär, der es mit der Wahrheit, wenn es um den eigenen Vorteil geht, nicht so genau nimmt, steckt eine autobiografische Prise: Marías hat in der Juan-Figur den Egoismus seiner Jugendjahre verarbeitet. Irgendwann setzt Eduardo seinen jungen Mitarbeiter darauf an, den Arzt Jorge van Vechten, einen langjährigen Freund der Familie, dezent auszuspionieren. Um den Mediziner ranken sich wilde Gerüchte um eine franquistische Vergangenheit; dann gibt es Turbulenzen um Eduardos Ehefrau Beatriz, mit der er eine Ehe führt, die er als "langes, unauflösliches Unglück" bezeichnet. Eduardo will plötzlich von Juans Nachforschungen nichts mehr wissen. "Wenn du mir nur nichts erzählt hättest", klagt er später seine Frau an, die ihm ein dunkles Geheimnis offenbart hat. Javier Marías betreibt wieder ein facettenreiches Spiel mit Andeutungen: Was ist wahr? Was ist ein Gerücht? Wer denunziert wen? Und über allem thront die Kardinalfrage: Führt die Wahrheit zwangsläufig zum Glück, oder kann nicht auch das bewusste Verschweigen der angenehmere, weil komplikationsfreiere Weg sein? Marías hat die Kunst des verschachtelten, philosophischen Erzählens abseits von Raum und Zeit perfektioniert und zu seinem Markenzeichen gemacht. In "So fängt das Schlimme an" marschieren private wie politische Verfehlungen erzählerisch im Gleichschritt nebeneinander. "Wortlos sehen wir uns an und sagen uns damit womöglich etwas, was wir gleichermaßen denken: Und nein, keine Worte", lautet der letzte geheimnisvolle Satz des Buches. Verletzte Liebe, Heuchelei, Lügen und Verrat sind die fundamentalen Bausteine dieses eindrucksvollen Romans, den die Leser der bedeutendsten spanischen Tageszeitung "El País" zum Buch des Jahres 2014 gewählt haben. Mit "So fängt das Schlimme an" hat Marías einmal mehr bewiesen, dass er nicht zu Unrecht in den letzten Jahren wiederholt als heißer Aspirant auf den Nobelpreis gehandelt wurde.