Eine kleinbürgerliche Familie mit drei Schwestern, einer pragmatischen Mutter und einem alkoholkranken Vater, ein achtzigjähriger fluchender Nachbar, der aufs Krepieren wartet, und die unvermeidliche Zeichentrickserie "Lady Oscar" prägen Hélènes Kindheit im Québec der  beginnenden Achtzigerjahre. Hélène macht sich dabei immer zwei Jahre älter, als sie wirklich ist, und gibt sich betont burschikos, um sich Jobs (wie frühmorges Zeitungen austragen) zu verschaffen, damit sie ihre Familie ernähren kann - so zumindest stellt es sich aus Sicht der Achtjährigen dar.

Und obwohl es nicht unbedingt den Anschein hat, als habe sie eine richtige Kindheit, als könne sie richtig Kind sein, wirkt sie im Rückblick zwanzig Jahre später nicht unglücklich. Wobei es natürlich auch sein kann, dass sie Spiel und Spaß in ihrer Erzählung einfach ausklammert und sich auf die "wichtigen" Aspekte konzentriert. Das würde zu dem Bild passen, das Marie Renée Lavoie von diesem frankokanadischen Mädchen zeichnet, das sich fast schon staatstragend den ernsten Dingen des Lebens widmet und auch durch das regelmäßige Einstreuen von Fremdwörtern dem Ganzen einen höchst seriösen Anstrich gibt.

Zwischen den Zeilen ist sie dann aber doch ein verletztliches Kind in einer alles andere als rosigen Welt. Insofern ist Lavoies Buch dann wieder sehr entlarvend - nicht nur in Bezug auf den Umgang mit Kindern in ihrer eigenen Kindheit. Die 1974 in Québec geborene Autorin weiß, wovon sie schreibt, wenn sie die Viertel der Metropole und ihre Bewohner schildert. Und ihr eigenwilliger, aber sehr unterhaltsamer Schreibstil ist wohl der Hauptgrund, warum das Buch beim Leser Eindruck hinterlässt.

Marie-Renée Lavoie:
Ich & Monsieur Roger
dtv; 250 Seiten; 20,30 Euro