"Wiener Zeitung":
Herr Gumbrecht, obwohl Sie in Deutschland eine außerordentliche Karriere vor sich hatten, sind Sie 1989 in die USA aufgebrochen und haben einen Ruf an der Stanford University angenommen. Was hat Sie dazu bewogen?

Hans Ulrich Gumbrecht:
Ich erhielt 1980 zum ersten Mal eine Gastprofessur an der University of California in Berkeley und habe mich nach wenigen Tagen sehr wohl gefühlt; das lag an der Freundlichkeit der Kollegen, am Stil der Universität und nicht zuletzt am Licht der nordkalifornischen Landschaft. Mir wurde bald klar, dass ich hier gerne leben wollte. Ich bin dann aus privaten Gründen wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Der Schwimmer Pablo Morales begeistert Hans Ulrich Gumbrecht. - © Jean-Yves Ruszniewski/Temp Sport/Corbis
Der Schwimmer Pablo Morales begeistert Hans Ulrich Gumbrecht. - © Jean-Yves Ruszniewski/Temp Sport/Corbis

1989 erhielt ich einen Ruf an die Stanford University, den ich mit großer Begeisterung angenommen habe; da wusste ich dann endgültig, dass ich nicht nach Deutschland zurückkehren wollte. Das beruhte aber auf keinem Ressentiment Deutschland gegenüber. Das deutsche Universitätssystem hat mich sehr gut behandelt. Das Problem bestand eher in beruflicher Hinsicht; ich hatte mit rund vierzig Jahren alles erreicht, was man in Deutschland machen konnte. Ich war an der Universität bestens verankert, ich habe für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" geschrieben, im Suhrkamp Verlag Bücher veröffentlicht und wollte nicht noch zwanzig Jahre dasselbe machen. Der positive Grund bestand darin, eine neue Herausforderung zu suchen.

Es gab aber noch einen Grund, Deutschland zu verlassen. Welche Überlegung veranlasste Sie dazu?

Ein Grund, der mich bewogen hat, Deutschland zu verlassen, war die konfessionelle Grundstruktur des Landes, die mich sehr gestört hat; besonders ein gewisser protestantischer Ton der Kontrolle, der in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass sich die Deutschen für die Weltmeister der Ethik hielten. Anderen Nationen ständig ethische Vorschreibungen zu machen - das ist nicht unbedingt mein Stil. Was mich noch irritierte, war das Schuldgefühl der Deutschen angesichts des Nationalsozialismus. Ich bin 1948 geboren und gehöre zu der Generation, die chronologisch sehr nahe am Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist. Ich denke, es ist bezeichnend für meine Generation von Intellektuellen in Deutschland, dass wir zu einem großen Teil die Schuld für etwas übernommen haben, an dem wir alle nicht beteiligt waren. Aber das ist kein Gefühl, von dem man sich durch Auswanderung distanzieren kann, sondern das ist etwas Bleibendes. Das ist sicher ein Grund dafür, warum meine Existenz in Deutschland eine Tonalität hatte, die eher depressiv geprägt war, und das ist insgesamt in den Vereinigten Staaten - zwar nicht generell - viel weniger der Fall.

Die USA sind ein Paradefeindbild für europäische Linksintellektuelle. Das hat in Deutschland eine lange Tradition; so bezeichnete bereits Max Horkheimer den amerikanischen Pragmatismus, den er eher vom Hörensagen kannte, als "Dollarphilosophie". Wie erklären Sie sich dieses verbreitete Ressentiment?

Das gehört zur Rolle der westlichen Intellektuellen, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelt hat, dass die jeweils existierenden und institutionalisierenden Gegebenheiten kritisiert werden müssen; das ist auch nicht so schlecht. Wenn man an die kritischen Äußerungen von Angela Davis oder Noam Chomsky denkt, nehmen das europäische Kritiker als Beweis dafür, dass in ihren Augen intelligente amerikanische Intellektuelle ebenfalls finden, dass dort alles beschissen ist. Das ist eine bestimmte Schiene der Kommunikation, die sich eingespielt hat.

An solch einer kritischen Haltung von Intellektuellen ist grundsätzlich nichts auszusetzen, wenn sie mit Selbstkritik verbunden wäre. Ich glaube nicht, dass sich die freudige Erwartung mancher Europäer erfüllen wird, dass die dekadenten USA demnächst den Gnadenstoß von Europa erhalten werden.

Neben der Skepsis europäischer Intellektueller gibt es noch weit verbreitete Vorurteile gegen die USA, gegen die Sie immer wieder in Zeitschriften polemisieren. Wie erklären Sie sich diese dumpfe Wut?

Der erste Grund für die Dämonisierung ist der, dass die Überlegenheit der USA völlig unangefochten ist. Ich vermute auch, dass es Europa nicht verwunden hat, dass es seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr die Nummer Eins der Welt ist. Darin besteht das Trauma. Dem hat Europa nichts entgegenzusetzen.

Die Überlegenheit ist fast genauso massiv auf dem Terrain der Universitäten. Welches Ranking
Sie immer ansehen, unter den fünfzig besten Universitäten sind mindestens dreißig amerikanische Universitäten; auch das ist ganz unangefochten und die deutschen Universitäten fallen in diesem Ranking immer weiter nach hinten. Da sind die Gründe für Ressentiments - und diese Ressentiments werden intellektualisiert.

Könnten Sie einige Vorzüge des American Way of Life nennen, mit dem Sie ja vornehmlich an der Universität konfrontiert sind?

Für mich besteht die größte Differenz zu Deutschland darin, dass einem der Erfolg in den USA nicht übel genommen wird. Das zeigt sich zum Beispiel an den Gehaltseinstufungen an den amerikanischen Universitäten, die von den Bewertungen der Studenten beeinflusst werden. Alle Veranstaltungen werden von den Studenten bewertet. Wenn Sie immer gute Bewertungen haben, wird das Gehalt noch im 67. Lebensjahr erhöht.