Kann ein Buch gleichzeitig großartig und furchtbar sein? Ja, wenn es von Jennifer Niven geschrieben worden ist. Und wenn sie darin zwei Suizide im Familien- und Freundeskreis literarisch verarbeitet. Denn dann kommt ein Roman heraus wie "All die verdammt perfekten Tage". Ein Roman über zwei Jugendliche, die ungleicher nicht sein könnten, aber zufällig zur selben Zeit am selben Ort mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen. Oder zumindest sich vorzustellen, wie es wäre, um sich selbst wieder zu spüren, um das Leben zu spüren.

In dieser Ausnahmesituation treffen die beiden 17-Jährigen in der Mitte des letzten High-School-Jahres aufeinander: Violet Markey, die ihre ältere Schwester durch einen Autounfall verloren hat, sich seither schuldig fühlt und immer mehr von ihrem früheren Freundeskreis der beliebten Jungs und Mädels abrückt. Und Theodore Finch, der seit dem ersten High-School-Jahr einfach "der Freak" ist, weil er immer und überall gegen den Strom schwimmt. Mutmaßlich bipolar oder manisch-depressiv, versperrt er sich gegenüber der restlichen Welt, nachdem frühere gute Freunde zu Erzfeinden geworden sind, er pfeift aufs System, sucht seinen Platz in einer Welt, die ihn noch weniger versteht als er selbst sie, und gefällt sich dabei irgendwie in der Rolle des Außenseiters - bis er Violet begegnet, die plötzlich alles auf den Kopf stellt.

Aber, und da wird dieses großartige Buch gleichzeitig furchtbar: Finch steckt schon zu tief in seiner Freak-Rolle drinnen. Er ist schon zu sehr gefangen in seinen psychischen Störungen, um sich auf diese Liebe, die plötzlich in ihm entflammt, wirklich einzulassen (unterdessen bedient Jennifer Niven - allerdings auf sehr kreative Weise - das alte Klischee vom Mädchen, das den Freak erst loswerden will, sich dann aber doch in ihn verliebt). Mehr wird an dieser Stelle über den weiteren Verlauf der Handlung und ihr Ende nicht verraten, außer dass die beiden im Zuge eines Schulprojektes auf eine große Wanderung durch ihren Heimatstaat Indiana begeben, die natürlich für viel mehr steht als bloß für dieses Schulprojekt. Schließlich ist das ganze Leben eine einzige große Wanderung.

Jennifer Nivens Liebesgeschichte kann man einfach nur herzzerreißend nennen. Und gespickt mit etlichen literarischen Zitaten, ist es ein wahres Epos über das Leben, das Überleben und das Sterben geworden. Dass Hollywood schon angeklopft hat, ist eigentlich kein Wunder.