Jede Besprechung eines neuen Erzählbandes aus der Geschichtenwerkstatt des Alexander Kluge sollte eigentlich beginnen mit der Bekundung von Dank dafür, dass dieser einmalige Quell an Texten unverändert sprudelt, und dies keineswegs sporadisch, sondern mit alljährlichen Veröffentlichungen. Die aktuelle, Ende 2015 erschienene Lieferung bietet wieder eine sehr reichliche Ernte, nämlich rund 500 Geschichten, Kurztexte und Fragmente auf über 650 Seiten, deren Format etwas über der Norm liegt; regulär gesetzt könnte das durchaus einem Band mit 1000 Seiten entsprechen. Ein sehr gewichtiger Baustein also, mit dem der immerhin 83 Jahre alte Kluge sein singuläres Lebenswerk eines massiven literarischen Monuments aus lauter Bruchstücken fortführt und erweitert.

Der Titelheld, und so etwas wie der rote Faden der neuen Sammlung, ist der legendäre Riesenaffe auf dem Empire State Building: "Kongs große Stunde" hat Kluge den mit "Chronik des Zusammenhangs" untertitelten Band getauft. Wie genau die dergestalt gegebenen Einordnungen und Lektürevorgaben mit dem textuellen Kaleidoskop aus hunderten von Geschichten in Einklang zu bringen sind, bleibt jedem selbst überlassen.

Masse an Material

Solche Erziehung zur Mündigkeit und zur aktiven Mitarbeit gehört, wie sich von selbst versteht, zu den Stärken der Poetik von Kluge.

Die erdrückende Masse an Material will den Leser ja nicht überfordern, sondern nachgerade auffordern, sich eigenverantwortlich einen Lektüreweg durch den Dschungel an Geschichten zu bahnen, die in einem weiten Sinne thematisch gebündelt vorgelegt werden. Wer, wie der Rezensent, kein sonderliches Interesse an der Kunstform der Oper besitzt, liest stattdessen besser die bestechenden Arztgeschichten, und wer sich für den Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim aus dem 18. Jahrhundert nicht erwärmen kann, wird vielleicht fündig im Kapitel über den idiosynkratischen Heidedichter Arno Schmidt. Bei Kluge wird ja bereits die Lektüre des sich über 17 Seiten erstreckenden Inhaltsverzeichnisses zu einem literarischen Vergnügen angesichts von Überschriften wie "Justierung einer Kinderseele", "Bei Betrachtung meines toten Vaters" oder "Eine Terrorwaffe des Gefühls". Aus dem teils prosaischen, teils poetischen Inhaltsverzeichnis geht ebenso hervor, dass Kluge seine Perspektive auf das soziale Treiben des Menschen erneut weit aufspannt von der Frühgeschichte unserer Spezies bis zur unmittelbaren Gegenwart - der CERN-Teilchenbeschleuniger oder die Untaten des "Islamischen Staates" gehören zu seinem Erzählen genauso wie, in den Worten Kafkas, die "äffische Vorgeschichte" des homo sapiens. Womit wieder King Kong im Spiel wäre.

Vom Ursprung

Just diese naturgeschichtliche Dimension, unter der die Gegenwart als eine direkte Verlängerung der anthropologischen Frühzeit erscheint, haben Kluges Texte immer wieder erforscht, wobei das atavistische Bindeglied zum Ursprung nichts anderes ist als die Gefühle, die in uns erwachen, zumal in jenen Extremsituationen und merkwürdigen Konstellationen, von denen die Geschichte mit immer neuer Erfindungslust berichten.

Nicht zuletzt unternimmt Kluge gerne gleichsam Selbstversuche, indem er immer wieder - so auch in "Kongs große Stunde" - auf seine Eltern, d.h. deren bürgerlichen Habitus und seine emotionale Beziehung zu ihnen als Sohn zu sprechen kommt.

In anderen Texten erweist sich Kluge als meisterlicher Beobachter und Kommentator von authentischen Alltagsszenen (etwa wenn er den geduldigen Umgang einer Mutter mit ihrem quengelnden Kind in einem Zug schildert), oder er fabuliert glaubhafte Geschichten in der Grauzone zwischen Fakt und Fiktion, die er uns als wahr unterzuschieben versucht. So wie Kluge schreibt niemand, und wir hoffen auf den nächsten Band.