So. Es ist schon der 6. Februar. Das ist ein Datum, an dem traditionell eine der berühmtesten Listen der menschlichen Kulturgeschichte längst obsolet ist. Die Liste der Neujahrsvorsätze. Ganz oben steht meistens irgendwas mit Bewegung. Ganz unten irgendwas mit Weiterbildung. Dazwischen eine reichhaltige Aufzählung von eventuell vermeidbaren Suchtmitteln. Also nichts, was sich nicht um ein paar Monate aufschieben ließe.

Auch so eine To-do-Liste kann man anlegen: Mark Twains Aufzählung von Speisen, die er nach seinem kulinarisch frustrierenden Europa-Aufenthalt daheim in den USA alsbald zu verzehren gedenkt. - © Heyne
Auch so eine To-do-Liste kann man anlegen: Mark Twains Aufzählung von Speisen, die er nach seinem kulinarisch frustrierenden Europa-Aufenthalt daheim in den USA alsbald zu verzehren gedenkt. - © Heyne

Aber im Vergleich zum Beispiel mit den Vorsatzlisten, die ein Leonardo da Vinci oder ein Thomas Alva Edison so angelegt haben, ist natürlich jede eigene Neujahrsliste erbärmliches Zerknüllmaterial. Edison hat sich am 3. Jänner 1888 zur besseren Übersicht auf fünf Seiten notiert, was er noch erfinden will. Phonograph, Glühbirne und Kinematograph konnte der Amerikaner ja locker abhaken. "Tinte für Blinde" hätte er aber auch noch gerne erledigt. Noch ein bisschen verwegener der Wille zum "Elektrischen Klavier" und dem "künstlichen Elfenbein". Das wiederum ist Kinderkram gegen Leonardo da Vincis To-do-Liste, die er immerhin schon 1489 verfasst hat - in Spiegelschrift. Er vermerkte, was er in der Anatomie noch erforschen will: Etwa, welcher Nerv verantwortlich ist für die Augenlider und die Lippen, wie es zum Gesichtsausdruck der Überraschung kommt und was Niesen ist.

A) Kleingeistigkeit

B) Kontrollneurose

Diese beiden Aufzählungen findet man in dem vergnüglichen Band "Lists of Note" von Shaun Usher. Da gibt es aber auch Vorsatzlisten, mit denen sich der gemeine, nicht-epochale Denker eher identifizieren kann - wie jene von Folksänger Woody Guthrie, der seine Liste nicht nur herzig illustriert hat, sondern auch so menschheitseinende Ziele wie "Sparen" oder "Häufig Bettzeug wechseln" formuliert. Das Buch versammelt unterschiedliche Listen von mitunter berühmten Persönlichkeiten. Die älteste stammt aus dem 3. Jahrhundert vor Chr. (eine Liste der Olympischen Sieger, Damagetos von Rhodos siegte übrigens beim Boxen) und die zweitälteste aus dem antiken Ägypten (auf einer Kalksteinscherbe sind Arbeiterfehlzeiten aufgezeichnet, gängige Ausrede der Arbeiter scheint die "Menstruation der Ehefrau" gewesen zu sein).

Das zeigt, wie alt das Bedürfnis der Menschen ist, mittels einer grafischen Aufzählung Ordnung ins Leben zu bringen. Denn nichts anderes ist so eine Liste. Ein Raster, der über das Chaos gelegt wird, eine Leiter, die den Überblick verschafft. Wer sich nicht merken kann, was er einkaufen soll, schreibt eine Liste. Wer den Berg an Aufgaben nicht mehr erfasst, schreibt eine Liste. Wer anderen mitteilt, wie sie sich zu verhalten haben, schreibt eine Liste. Klingt natürlich jetzt a) spießig, b) kleinkariert, c) zwangsneurotisch. Aber selbst der Großkarierteste muss zugeben: Die Liste ist überall. Es beginnt in der Früh: Auf der Zahnpastatube steht eine Liste der Inhaltsstoffe, beim Bäcker liegt eine Preisliste, in der U-Bahn hängt eine Liste mit Benimmregeln.

Auch nichts Neues, übrigens. Schlag nach im Buch Exodus des Alten Testaments. Da kommt auch schon eine Liste vor, die sich im allgemeinen Zusammenleben als recht praktisch erwiesen hat, sie besteht aus zehn Einträgen, die ein gewisser Moses notiert hat. Zehn Gebote findet man auch im Buch "Lists of Note": Da handelt es sich aber um die "Zehn Gebote der Mafia". Sie wurden im Versteck von Salvatore Lo Piccolo, dem Oberhaupt der sizilianischen Mafia, gefunden. Diese Liste enthält nun aber keine Überraschungen ("Lass dich nie mit Bullen blicken"). Aufschlussreicher sind da schon die "Zehn Gebote für Hochstapler", die Victor Lustig 1936 zusammengestellt hat. Das ist jener Mann, dem es 1925 gelungen ist, den Eiffelturm zu verkaufen - als 7300 Tonnen Alteisen. Er empfiehlt Nachahmern unter anderem: "Wirke niemals gelangweilt", und: "Warte, bis dein Gegenüber eine politische Meinung äußert, dann stimme zu."

Listen können also viel sein. Manchmal nur eine schnöde Gedächtnishilfe. Ein bekennender Fan des Einkaufszettels ist übrigens Umberto Eco. Nicht zuletzt deswegen hat er ein Buch über Listen geschrieben ("Die unendliche Liste", dtv). Ihm würden auch die Einkaufszettel gefallen, die in "Lists of Note" zusammengetragen wurden, etwa jene, in der Galileo Galilei zusammenfasst, was er benötigt für die Konstruktion seines Teleskops. Zwei Kanonenkugeln und Orgelpfeifen aus Zinn zum Beispiel. So eine welthistorische Errungenschaft bastelt sich schlecht mit leerem Magen, also braucht Galileo auch Linsen, Rosinen, Dinkel und Konfitüren. Apropos Essen: Nicht im strengen Sinn eine Einkaufsliste ist Mark Twains (20-seitige) Sehnsuchtsliste, die er verfasst hat, als ihn das europäische Essen schon nervte: Ihn gelüstete es mehr nach Ahornsirup, amerikanischem Kaffee (!) und Porterhouse-Steak.

C) Wertfreiheit

D) Algorithmendiktat

In den vergangenen Jahren hat sich ein journalistisches Genre mit Vehemenz durchgesetzt, angeschoben von der Popularität von Webseiten wie "Buzzfeed" oder "Auslisten": der "Listicle", der Listenartikel. Aktuell informiert Buzzfeed etwa über "17 Dinge, die Nicht-Brillenträger nie verstehen werden" oder "14 Dinge, die du garantiert nicht über Dirty Dancing wusstest".

Man sieht schon: Das sind keine Listen, die Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es sind aber auch keine Listen, die eine Wertung vornehmen. Man mag es Demokratisierung nennen oder es auf die Überfülle an zu bewertendem Material schieben: Hitlisten, die auf einen Platz 1 hinfiebern, werden immer unwichtiger. Dafür begleitet uns überallhin mindestens eine "Playlist", ob wir sie selbst zusammengestellt haben oder irgendein Algorithmus für uns. Ihre Reihenfolge ist dabei relativ egal. Auch der aktuelle Hype um die "Serie als neuer Kinofilm" ist übrigens nichts anderes als eine Huldigung der Listenform im dramaturgischen Sinn.

Ob die Smartphonisierung den Drang zur Liste verstärkt oder nur begleitet, ist nicht ganz klar. Möglicherweise bringt die permanente technologische In-Beschlagnahme Teilleistungsschwächen mit sich. Glücklicherweise scheinen allein im Apple-App-Store bei der Suche nach "To-do-Liste" über 50 Vorschläge auf.

Was ist aber das Gegenteil der Liste? Anarchische Entropie wahrscheinlich. Wer kann so etwas schon brauchen? Listen helfen. Listen beruhigen. In diesem Sinne: 1.) Italo Calvinos "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" lesen, es birgt eine meisterhafte literarische Verarbeitung der Listenform. 2.) Googles "List of lists of lists" aufrufen. Ekstasematerial für Listige. 3.) Auf der To-do-Liste etwas hinzufügen, was schon erledigt ist. Damit man es zufrieden seufzend durchstreichen kann.

Shaun Usher: "Lists of Note. Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten." (Heyne)