Literaturwissenschaft: Bücher über Bücher. - © Tom Grill/Corbis
Literaturwissenschaft: Bücher über Bücher. - © Tom Grill/Corbis

Egon Schwarz ist der Doyen der amerikanischen Germanistik. Er wurde 1922 in Wien geboren und wuchs in der Geologengasse im 3. Bezirk auf. 1938 musste die jüdische Familie Schwarz aus Wien fliehen; der junge Egon überlebte den Zweiten Weltkrieg in Boli-vien. 1948 übersiedelte er in die USA; von 1961 bis 1993 war er als Professor für deutsche Literatur in St. Louis tätig. Als Gastprofessor an mehreren europäischen Universitäten und als Mitarbeiter deutschsprachiger Zeitungen schlug er aber immer wieder intellektuelle Brücken zwischen der Neuen und der Alten Welt.

Auch in seinem Geburtsort Wien ist Egon Schwarz häufig in Erscheinung getreten. Noch im vergangenen Sommer verglich der Dreiundneunzigjährige in einem frei gesprochenen Vortrag die drei Sprachen seines Lebens: Deutsch, Spanisch und Englisch.

Kreative Geduld

Organisiert wurde dieser eindrucksvolle Auftritt vom PEN-Club und von der Wiener Erika- Mitterer-Gesellschaft, der sich Schwarz verbunden fühlt. Er hat mehrere Aufsätze im "literarischen Zaunkönig", der Zeitschrift der Gesellschaft, veröffentlicht - darunter auch einen Essay über die Sprachkunst Erika Mitterers. Martin G. Petrowsky, Sohn der Autorin und Leiter der Gesellschaft, hat nun einen Band herausgegeben, der unter dem Titel "Mit Geduld kann man vieles erreichen" kleinere Schriften von Egon Schwarz versammelt. (Auch der Essay über Erika Mitterer ist darin enthalten.)

Zu den Qualitäten des Wissenschafters und des Menschen Egon Schwarz gehört eine einfühlsame, geduldige Aufmerksamkeit für seine Mitmenschen und deren Äußerungen. Das zeigt sich in vielen seiner elegant formulierten Miniaturen. Der Band enthält zwar auch Aufsätze zur Literatur, aber die meisten Texte haben autobiographischen Charakter.

Unter anderem schildert Schwarz Begegnungen mit berühmten und weniger berühmten Zeitgenossen. Dabei erweist er sich als scharfsichtiger Beobachter: Der bedeutende Soziologe Norbert Elias war wohl schon etwas altersschwach, als er bei dem Ehepaar Schwarz in St. Louis zu Gast war. Frau Schwarz zeigte dem Wissenschafter ihren schönen Garten, und er war begeistert: "Zuweilen hielt er ein Pflänzchen, das sie ihm zeigte, hegend in seinen gekrümmten Fingern, als wäre es ein verletzliches Küken, aber er sah so schlecht und stand so unsicher auf den Beinen, dass er oft genug ihre Anpflanzungen zertrampelte. Während er sie mit den Händen zart anfasste, zertrat er sie mit den Füßen."

Solche anschaulich erzählten, rührend-komischen Szenen aus dem internationalen Geistesleben gibt es viele im neuesten Buch des alten Germanisten. Und indem er von sich und seinen Zeitgenossen erzählt, überschreitet der Wissenschafter die Grenzen seines Faches - und wird selbst zum Schriftsteller.

Kritiker der Wissenschaft behaupten gerne, Universitätsmenschen würden meist schlecht schreiben, weil ihr Stil durch Terminologie-Zwang und durch akademisches Imponiergehabe verdorben würde. Gewiss findet man viel zu viele Beispiele, die diese Kritik bestätigen. Aber es lassen sich doch auch Gegenbeispiele anführen.

Gut und schön

Neben Egon Schwarz ist hier Karlheinz Rossbacher zu nennen, dessen Essayband "Zeitreisen" 2015 erschienen ist. Rossbacher, Jahrgang 1940, emeritierter Professor für Germanistik an der Universität Salzburg, hat auch eine anglistische Ausbildung und Neigung. Seine Essays bewegen sich komparatistisch zwischen deutsch- und englischsprachiger Literatur hin und her. Rilkes Gedicht "Der Panther" oder die Lebens- und Gartenkunst des Alexander von Villers werden hier ebenso bedacht wie J. D. Salingers Gebrauch der Vokabel "phony" oder Ezra Pounds dichterische Höhenflüge und politische Niederungen. (Je weiter der Horizont, desto besser die wissenschaftliche Prosa - das ist fast ein Merksatz fürs Stammbuch. )

Rossbacher beherrscht eine luzide Wissenschaftssprache, in der hier und da schöne, weil ungewöhnliche Formulierungen aufblitzen - "witzgewürzte Möglichkeitserwägung" zum Beispiel. Sein Band beschreibt nicht nur kanonisierte Literatur, sondern auch die Lust am Sammeln von Handschriften oder das Vergnügen, in Venedig spazierenzugehen, und noch so manches, was einem gebildeten älteren Herrn ebenso viel Vergnügen macht wie seiner geneigten Leserschaft.

Verglichen mit der bildungshaltigen Essayistik der alten Meister wirkt der didaktische Sammelband "Literatur und Politik im Unterricht" sehr spröde. Untertitel wie "Subjekttheoretische Grundlagen einer politischen Literaturdidaktik" oder "Literarische und Politische Bildung im Kontext kompetenzorientierter Aufgaben- und Prüfungsformate" laden nicht zum heiteren Lesen, sondern zum ernsten Mitdenken ein. Das Thema ist dabei nicht das individuelle Vergnügen an literarischen Texten, sondern die gesellschaftlich-politische Funktion der Literatur.

Kritische Alternativen

Worum geht es also in diesem Buch, das Sabine Zelger und Stefan Krammervon der Universität Wien herausgegeben haben? Die Verfasserinnen und Verfasser des Sammelbandes fragen nach den Möglichkeiten der politischen (und das heißt hier: gesellschaftskritischen) Bildung in der Schule und nach der Rolle, die dabei der Literatur zukommt.