Vera Buck verlangt ihren Lesern in ihrem neuen Roman "Runa" ein gerüttet Maß an Aufmerksamkeit, Durchhaltevermögen und Nervenstärke ab. Aufmerksamkeit, weil sie ein halbes Dutzend Handlungsstränge parallel laufen lässt, die sich erst nach und nach miteinander verknüpfen. Durchhaltevermögen, weil sie in ihrem 600 Seiten starken Roman gute 100 Seiten braucht, um ihre Leser einzuführen, bis endlich die titelgebende Hauptfigur Runa auftaucht. Nervenstärke, weil die Handlung alles andere als nervenschonend (Achtung, Wortwitz!) ist, geht es doch um die (wohl nur zum Teil fiktiven) Vorgänge am Hôpital de la Salpêtrière im Paris des 19. Jahrhundert, das damals die bekannteste psychiatrische (Forschungs-)Anstalt Europas war. Und was dort den Nervenkranken vulgo "Verrückten" oder "Irren" alles angetan wird - natürlich immer nur zum Wohle der Patienten und zum Segen der Wissenschaft -, schildert Vera Buck schonungslos. Wer kein Blut und schon gar kein Hirn sehen kann, sollte diese Passagen lieber überblättern.

Nicht nur einmal muss man sich deswegen tatsächlich zwingen, am Ball zu bleiben und den Roman nicht schaudernd wegzulegen. So eindringlich, so hautnah, so authentisch ist er geschrieben - denn wer sich ein bisschen mit der Geschichte der Neurologie auseinandersetzt, wird feststellen, dass Vera Bucks Nerven-Schauer gar nicht so weit hergeholt ist. Und so mag es tatsächlich noch im 19. Jahrhundert Ärzte gegeben haben, die ihren Patienten ein Stück Hirn wegschneiden wollten, um ihre Psyche zu beruhigen, wie es auch bei Runa geschehen soll. Ob es tatsächlich dazu kommt und was es bewirkt, wird an dieser Stelle nicht verraten. Dafür aber dieses: Manche Schlüsse in Vera Bucks Geschichte lassen sich wirklich erst ganz zum Schluss ziehen. Hin und wieder ist man als Leser zunächst etwas ratlos, bevor sich gegen Ende hin alles zu einem verständlichen Ganzen zusammenfügt. Ob man dann damit einverstanden ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Die Autorin hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Nicht nur, weil ihre Handlungsstränge letztendlich kein loses Ende haben, sondern vor allem, weil sie sich - dem Zitatnachweis und der Literaturliste nach - selbst auch nicht geschont hat und ganz tief in die brutale Geschichte der Psychiatrie eingetaucht ist. Bleibt zu hoffen, dass sie selbst dabei die Nerven behalten hat . . .

Vera Buck: Runa
Limes; 608 Seiten; 20,60 Euro