Goran Vojnovi , geboren 1980 in Ljubljana. - © Tina Deu
Goran Vojnovi , geboren 1980 in Ljubljana. - © Tina Deu

Ein paar glückliche Momente waren Vladan Borojević von seinem Vater und der Kindheit in Pula geblieben: die gemeinsamen Besuche auf dem Markt etwa, das freudige Feilschen des Vaters mit den Zigeunern, die er liebte, seine Großzügigkeit und diverse Aufschneider-Geschichten. Erinnerungen an Sonne, Strand und Unbeschwertheit. Viele waren es nicht, denn bis zum Frühsommer 1991 interessierten sich Vladan und seine Freunde eigentlich nur für die Welt der Erwachsenen, wenn diese "ohne Arme und Beine waren, wenn sie ihre Haare oder Bärte bis zum Boden hinunter wachsen ließen, sich wie Indianer kleideten, tätowierte Rücken hatten oder Muskeln wie Rambo 1, 2 und 3".

Mit dem Beginn der Balkankriege endete ihre Kindheit abrupt. Vladans Vater Nedeljko, der Serbe war, aber an den jugoslawischen Staat und an den Kommunismus geglaubt hatte, zog als Soldat der Jugoslawischen Armee in den Krieg.

Verlust der Heimat

Vladans slowenische Mutter und der elfjährige Sohn siedelten nach Belgrad um. Man entfremdete sich. Jeder kämpfte für sich mit dem Verlust der Heimat, mit Identitäts- und Sprachproblemen, den provisorischen Unterkünften bei Verwandten des Vaters in Belgrad, später bei Vladans Großeltern mütterlicherseits in Ljubljana.

Der Nachricht vom Tod seines geliebten Vaters und der Odyssee durch die neu entstehenden Balkanstaaten folgten einsame, schweigsame Jahre. Bis Vladan mit 27 Jahren im Internet las, dass sein Vater nicht tot war, wie er seit 16 Jahren glaubte, sondern gesucht wurde, weil er sich für ein Massaker im kroatischen Slawo-nien vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten sollte.

In seinem zweiten Roman, "Vaters Land", schickt der 1980 in Ljubljana geborene Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Goran Vojnović seinen melancholischen, in sich gekehrten Ich-Erzähler Vladan im Jahr 2008 auf einen spannenden Roadtrip. Dieser führt an die Stätten seiner Kindheit und Jugend und zu Menschen, von denen er sich Informationen über den Aufenthaltsort seines untergetauchten Vaters erhofft. In Kroa-tien, Serbien, Bosnien und Slowenien spricht er mit seiner Mutter, mit Freunden seines Vaters, ehemaligen Nachbarn, Vermietern, entfernten Verwandten - und fühlt sich mehr als Slowene denn je zuvor. Die meisten sind ähnlich entwurzelt wie er, voller Misstrauen, und schimpfen auf die "kommunistischen Nationalisten" oder "Schwulettis", die den jugoslawischen Vielvölkerstaat zerstört hätten. Über seinen Vater äußern sich die wenigsten, dennoch kommt er ihm langsam näher.

Vladan fühlt sich auf seiner Reise oft als Beobachter, der Menschen nie verstehen wird, die einem serbischen Einheimischen einen festlichen Empfang bereiten, "der nach Jahren, rate mal, direkt aus Haag zurückkehrte, wo man ihn wegen Kriegsverbrechen eingesperrt hatte, die ihm eine böswillige und amoralische internationale Gemeinschaft nachzuweisen versucht hatte, obwohl alle ‚Onkel mütterlicher- und väterlicherseits‘ beim Leben ihrer ‚toten Mutter‘ geschworen hatten, dass er ‚keiner Ameise etwas zuleide tun‘ könne und dass ihr lieber Milan ein erwiesener Menschenfreund sei".

Alternierend dazu taucht der Leser häufig in Vladans Erinnerungen ein, durchlebt mit ihm Verzweiflung, Wut, Depression - und teilt die Hoffnung, dass sein Vater doch kein bestialischer Mörder sei. Ein aufreibendes Wechselbad der Gefühle, für das Vladan, wie die meisten geplagten Seelen in diesem Roman, kaum Worte findet. Auch nicht seiner jungen Freundin Nadja gegenüber, die er spät in seine Recherchen einweiht, und die sich für ihn überraschend als sehr einfühlsam und erwachsen erweist.

Burschen vom Balkan

Vielleicht sträubt er sich auch, tiefe Gefühle zuzulassen, weil für ihn "die schnell emotional hochkochenden Burschen vom Balkan gefährlicher als alle Arten von wilden Tieren" sind.

Goran Vojnović ist ein fesselnder, unsentimentaler und dennoch berührender Roman über die Auseinandersetzung mit den Erlebnissen während der Balkankriege gelungen. Ein Roman auch über die Schwierigkeit, mit einer abgebrochenen Kindheit abzuschließen, eine neue Identität zu finden und so gut wie möglich weiterzuleben.