Manchmal empfiehlt es sich, zuerst die Danksagung beziehungsweise die Anmerkungen des Autors am Ende des Buches zu lesen. Dann erfährt man nämlich im Fall von "Zersetzt", wie authentisch Michael Tsokos, seines Zeichens Forensiker und früherer Fernspäher bei der Bundeswehr, in seinem neuen Thriller um den deutschen Rechtsmediziner Fred Abel gearbeitet hat. Gemeinsam mit seinem Coautor Andreas Gößling zeichnet er eine Szenerie zwischen Berlin und Transnistrien, in der Abel einen vier Jahre alten Doppel-Folter-Mordfall aufzuklären hat - und dabei vom Geheimdienst mehr als bloß Steine in den Weg gelegt bekommt. Und dass Tsokos sich die Idee dazu aus eigenen Erfahrungen in Kasachstan (das er aus gewissen Gründen nicht beim Namen nennt) und dem Fall Alijew geholt hat. Da erscheinen die fast schon absurd erscheinenden wilden Ereignisse in einem anderen Licht. Zumal Tsokos aus erster Hand weiß, wie eine Obduktion abläuft, und diese sehr eindrucksvoll schildert.

Es hätte dem Buch allerdings gutgetan, hätten die beiden Autoren nicht noch einen zweiten und dritten Handlungsstrang eingebaut, die der Hauptgeschichte immer wieder dazwischenfunken: im einen werden Migranten aus Nahost Opfer eines Waterboarding-Serientäters, im anderen entführt ein psychopathischer Arzt eine junge Frau in ein Kellerverlies - und prompt rutschen Tsokos und Gößling in eines der schlimmsten Thriller-Klischees ab: Splitterfasernackte attraktive Frau wird nach allen Regeln der Kunst erst vergewaltigt, bekommt dann kurz vor knapp ihre einzige Chance und liefert dem irren Psychopathen einen Kampf auf Leben und Tod, dessen Ausgang in 99 Prozent der Fälle bereits feststeht. Und der Leser fragt sich nur: Warum bloß? Die Autoren hätten besser daran getan, auf diese sexuell aufgeladenen Grauslichkeiten ohne jeglichen Mehrwert zu verzichten und auf den dadurch gewonnenen dutzenden Seiten noch mehr Transnistrien-Erfahrungen zu Papier zu bringen. Die sind nämlich wirklich spannend.

Michael Tsokos mit Andreas Gößling:
Zersetzt
Knaur; 427 Seiten; 15,50 Euro