Boulevard-Blätter pflegen ein Buch wie dieses als "atemberaubende Mischung aus Sex, Sucht und poetischen Zwischentönen" (oder so ähnlich) abzufeiern. Eher überrascht, dass auch das hehre Feuilleton nicht ansteht, Thomas Glavinics elftem Roman mit Jubelarien zu huldigen. Die Rezensentin der "FAS" etwa kann "kann lesend gar nicht genug davon bekommen, weil der Ton so sehr stimmt".

Groß ist an dem Buch auf jeden Fall sein Umfang: über 700 Seiten. Das bedeutet indes nicht notwendigerweise inhaltliche Überfülle: Auf manchen Seiten stehen nicht mehr als die Buchstaben "A" und "K" sowie das Satzzeichen "-". Dabei handelt es sich, wie unschwer zu dechiffrieren ist, um Kürzel für Alkohol und Kokain - beziehungsweise, wenn ein Strich da steht, nichts (sprich: Abstinenz). Außerdem sind einige Kapitel nicht länger als eine Zeile, weil, so suggerieren solche formalen Sondereinlagen, "nicht mehr zu sagen ist".

Viel, allzu viel hineingepackt ist hier trotzdem: Drei Handlungsstränge mit ebenso vielen Protagonisten, viel Namedropping, Zeitgeschichte, Philosophie, unterschiedliche literarische Gattungen vom Roman über das Tagebuch bis zum Märchen.

Wein, Schnaps, Koks


Die erste Hauptfigur im "Jonas-Komplex" ist ein erfolgreicher Schriftsteller und lebt in Wien ein "Life In The Fast Lane", wie das die Eagles einst so treffend benannt haben: Rast mit 250 km/h über die Autobahn, trinkt Wein und Schnaps literweise, muss sich bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit eine Linie Koks reinziehen und bekämpft die darauf unweigerlich folgenden Angst- und Panikattacken mit Benzodiazepinen.

Seine vielen Bettgefährtinnen rekrutiert er so wahllos, dass er am nächsten Morgen zumeist nicht einmal mehr weiß, wie sie heißen. In berauschtem Zustand schickt er Sex-Anfragen öfters einmal an falsche Adressen wie seine Agentin oder seine 65-jährige, erzkatholische polnische Putzfrau. Kein Wunder daher, dass er sich einen Alkomaten für Elektronikgeräte wünschen würde, der ihm den Zugang zu Computer und Handy verweigert, wenn er nicht mehr Herr seiner Sinne ist.

Bei all seiner Rock-Star-artigen Exzessivität ist er ein durchaus sympathischer Zeitgenosse, der sich um seine demente Nachbarin kümmert und dem sein Kind über alles geht: "Ich höre sein Lachen und kann nicht sagen, was ich fühle. Der Klang dieser Stimme steht für alles, was groß und wichtig ist." Für den trivialen Alltag dagegen steht seine regelmäßige SMS-Korrespondenz mit Schriftsteller-Kollegen wie Daniel Kehlmann, Stefan Beuse oder David Schalko. Mit letzterem wiederum ficht gegenwärtig der reale Glavinic öffentlich einen Strauß aus, nachdem er, nicht unwidersprochen von Schalko, in einem Facebook-Posting nachdrücklich seinem Missfallen über die pauschale Herabwürdigung von Wählern des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer Ausdruck verliehen hatte.

Der zweite Protagonist ist ein 13-jähriger Schüler im Jahr 1985 in der Weststeiermark. Er lebt bei der trinkfreudigen und promiskuitiven Uriella, bei der sich erstens fragt, wie sie die Erziehungsberechtigung über den Buben bekommen hat, und zweitens, ob sie ihn sexuell missbraucht hat.

Solchermaßen nicht wirklich vielversprechend sozialisiert und einsam, ist der Junge, der wie der Schriftsteller aus der Ich-Perspektive erzählt, allerdings von phänomenaler Intelligenz. In der Schule eklatant unterfordert, verschlingt er Bücher und entwickelt sich zu einem Genie im Schachspiel. Bei Turnieren zeigt er freilich eine Tendenz, sich trotz überlegener Stellung auf dem Brett mit einem Remis zufrieden zu geben. "Überall sehe ich die Gefahr, nicht die Chance. Ich habe gelesen, das nennt man den Jonas-Komplex."

Jonas, so heißt auch die dritte Hauptfigur des Romans. Sie knüpft unmittelbar an Glavinics Vorgänger-Roman "Das größere Wunder" an: Jenem Erbe eines riesigen Vermögens, der nie einen Gedanken an Mühseligkeiten wie Beruf und Broterwerb verschwenden muss, die Welt bereist und ständig, wie man das so nennt, neue Herausforderungen sucht. In "Das Größere Wunder" bestieg Jonas den Mount Everest; in "Der Jonas-Komplex" durchwandert er - wenn auch mehr auf Drängen seiner Freundin Marie hin - die Antarktis.

Verrückte Situationen


Ehe er sich mit Marie ins Ewige Eis begibt, lässt er sich noch durch seinen alles vermögenden japanischen Anwalt Tanaka der Selbst- und Grenzerfahrung wegen in verrückte Situationen bringen, wie zum Beispiel der, als Freiheitsstatue verkleidet durch Jemen zu laufen. Oder sich in Patagonien in einer senkrechten Felswand 2000 Meter über dem Boden aussetzen zu lassen.

Diese drei Hauptfiguren führen eine voneinander unabhängige Existenz. Sie berühren sich an keinem Punkt. Während beim Schriftsteller und selbst bei Jonas eine Kongruenz mit dem weststeirischen Schüler physikalisch zumindest nicht ausgeschlossen werden kann, ist eine solche zwischen dem Schriftsteller und Jonas faktisch unmöglich. Der Punkt, wo sie sich am nächsten kommen, ist Puntas Arenas im Süden Chiles, das "Tor zur Antarktis". Von hier aus sind Jonas und Marie in das Basislager ihrer Expedition geflogen, und hierher kommt - ausgenüchtert und clean - auch der Schriftsteller. Er könnte zum Pol fliegen. Er entscheidet sich dagegen. "Wenn schon, dann laufe ich hin."