Internationale Geste mit transnationalen Unterschieden: Hier ein Protest des tschechischen Künstlers David Cerny gegen Präsidenten Milos Zeman, Prag 2013. - © Jindrich Nosek/wikipedia/CC
Internationale Geste mit transnationalen Unterschieden: Hier ein Protest des tschechischen Künstlers David Cerny gegen Präsidenten Milos Zeman, Prag 2013. - © Jindrich Nosek/wikipedia/CC

Wie wertlos ist Höflichkeit? Ist Höflichkeit eigentlich noch ein Wert? Oder ist sie etwas für Mu-seen, Antiquariatskataloge oder das Dorotheum? Und Manieren? Wie verhält es sich mit Etikette? Dinge von gestern? Ist all dies heute, in Zeiten flächendeckend tätowierter Menschheitsvölker, tief sitzender Jogginghosen, permanenten Duzens, expliziter Abwesenheit noch kleinster Spurenelemente gesellschaftlicher Zivilisationsreife im Privatfernsehen und ungenierter besteckfreier Nahrungsaufnahme durch Ausgewachsene in aller Öffentlichkeit nicht mehr gefragt, von gestern, nein: von vorvorgestern?

Rainer Erlinger macht gleich zu Beginn seines Buches über Höflichkeit klar: diese hat zwei Gesichter. Mindestens. Haben doch Studien gezeigt, Höflichsein hilft im Beruf. Zumindest bis zu einem gewissen Stadium. Will man diese Karriereschwelle überwinden, dann gilt es unhöflich zu werden, die Ellenbogen auszufahren, sämtliche Skrupel und Rücksichten über Bord zu werfen.

Etikette & Ehrlichkeit

Erlinger, Arzt und Rechtsanwalt, bestreitet seit 14 Jahren jeden Freitag im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" die Kolumne "Die Gewissensfrage". Inzwischen ist er durch das öffentliche Beantworten eingesandter Fragen zu Etikette, Höflichkeit, Ehrlichkeit und weiteren mehr oder weniger des Fragens werten und fragwürdigen Grundbestandteilen des menschlichen Charakters und Verhaltens so populär geworden, dass er, von München (in weiten Teilen noch immer von sanft grobianischer Höflichkeit geprägt) nach Berlin (nicht nur sprichwörtlich grob unhöflich) übersiedelt ist und die bürgerliche Berufstätigkeit gänzlich hat aufgeben können. Und sich nunmehr erfolgreich den Buch-Themen Ethik & Moral widmen kann - auf lässige, da intellektuell weitgehend barrierefreie Art & Weise.

Dass er gleich zu Beginn den Anstand auf dem Mistplatz der Leerphraseologie entsorgt, hat Folgen. Nicht nur, dass er wider den Anstand - ein zugegeben dehnbarer und äußerst subjektiv aufzufüllender Begriff - polemisiert und sogleich das Totschlagargument par excellence anführt, nämlich Himmlers berüchtigte Posener Gestapo-Rede über Anstand, ist Anstand für ihn generell völlig unnütz.

Wie verhält es sich nun mit Höflichkeit? Ist es höflich oder nur freundlich, einer Frau die Tür aufzuhalten, in der Straßenbahn älteren Mitmenschen seinen Sitzplatz zu offerieren, und der Gefährtin auf die Frage, wie ihre neue Frisur gefällt, die erschütternde, weil harte Wahrheit vorzuenthalten? Ist der Höfliche also ein Schuft? Ein Lügner, der heuchelt, ein charmant kultivierter Bösewicht mit makellosen, aber durch und durch verlogenen Umgangsformen?

Dazu zitiert Erlinger André Comte-Sponville. "Die Höflichkeit", so der französische Philosoph, "ist keine Tugend, sondern ein Vorzug, und nur ein Vorzug der Form. Für sich genommen ist sie sekundär, nebensächlich, fast belanglos: Im Vergleich zur Tugend und zur Intelligenz ist sie so gut wie nichts, und in ihrer Vornehmheit muss die Höflichkeit das zum Ausdruck bringen können."

Vergnügt will Erlinger Türen aufstoßen, die, mit Verlaub, seit langem offen stehen. Wenn er etwa feststellt, dass Respekt keine Verehrung ist. Auf die gesamte Länge seines Buches umgelegt, muss man, mit allem Respekt zur Unhöflichkeit genötigt, vermerken: Das Buch ist unhöflich. Weil immer wieder in immer neuen Schleifen ein Thema umkreist wird, das längstens klar(gestellt) ist. Und je mehr man dies höflich zur Kenntnis nimmt, hier kopfnickend kommentiert, dort sich etwas für die Anwendung in der Praxis merkt - die Schleifen in Erlingers Argumentation überlagern sich immer mehr und öfter.

"Netiquette"

Bald realisiert man auch seine Methode, die er über eine beachtliche Druckseitenlänge ausbreitet - und die da heißt: Beispiele am besten aus populären Massenmedien entlehnen, aus Film und Fernsehen, sei es "The Big Bang Theory", seien es gut abgehangene Woody-Allen-Zitate.

Erlinger hat schlicht nicht den dramaturgischen Atem, um 300 Seiten durchgehend spannend zu bestreiten. Dafür will er, unhöflich sei’s angemerkt, mit einem Anhang imponieren, in dem er auf hoch- bis höchstwissenschaftliche Untersuchungen, Studien, Abhandlungen verweist. "Prestigegewinn durch Unhöflichkeit" nennt er so etwas selbst an anderer Stelle.

Max Scharniggs kleiner Ratgeber im Geschenkbuchformat ergänzt die Lektüre von "Höflichkeit". Scharnigg, 1980 geboren und somit eine halbe Generation jünger als Erlinger, ist Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", hat Kolumnenbände und Romane sowie zuletzt ein Bändchen über das Angeln, diese dem Untertitel zufolge rätselhafte Passion, geschrieben.

Passioniert rätselhaft und kolumnenhaft launig geht es auch in seiner jüngsten Veröffentlichung zu, mit der er einen Knigge fürs digitale Dasein vorlegt. Dem Digitalen ist ja nirgendwo mehr auszuweichen, somit sind Versuche der sogenannten netiquette dringender angeraten denn je. Es geht bei Scharnigg ums richtige Posten und das höfliche Aufräumen der Betreffzeile, um Klingeltöne, Hashtags und die Contenance; um das korrekte Aussteigen aus Forenkommunikation und das Fotografieren von aufgetischtem Essen; um Web-Sucht, fleißig "improvisierte" Facebook-Fotos, die ironische Wendung "Ironie off", Liken und Sharen.