In diesem Buch wimmelt es von Kindern. Beinahe in jeder der 17 Erzählungen tauchen sie auf, teils mit den dazugehörigen Müttern, teils ohne. Im Werk der 1970 geborenen deutschen Schriftstellerin Judith Hermann markieren sie eine Zeitenwende. Schon in ihrem ersten, vor zwei Jahren erschienenen Roman "Aller Liebe Anfang" betrachtete sie das Kleinfamilienleben mit Kind in all seiner Gebundenheit und Statik.

Dass die sich im Aufbruch befindlichen Figuren aus ihrem gefeierten Debüt "Sommerhaus, später" (1998) erwachsen geworden sind, durfte man schon damals feststellen. Inzwischen sind ihre Protagonisten ungefähr mittelalt, vielversprechende Anfänge liegen definitiv hinter ihnen. Die Unbeständigkeit als grundsätzliches Lebensgefühl haben sie nicht überwinden können und wollen. Sie heißen Elena und Rosa, Sophia und Ada oder Effi und Teresa, und es wäre ein Leichtes, sich über ihre gespreizten Namen lustig zu machen, wenn sie in der Wirklichkeit nicht auch so heißen würden.

Judith Hermann ist ihrem Stil treu geblieben. Auch ihren vierten Erzählungsband umweht eine fein gesponnene Melancholie und Pfefferminzseligkeit, die von der Vergänglichkeit ebenso viel wissen wie von den Sünden des Alltags. Dabei erscheinen die neuen Erzählungen ziemlich komprimiert, keine ist viel länger als zehn Seiten.

Es sind Momentaufnahmen, Schnappschüsse, die vom Leben erzählen, wie es ist und wie es sein könnte. Oft umgibt sie eine fundamentale Traurigkeit, ein wehmütiger Ton, aber auch eine tschechowhafte Vergeblichkeits-Lakonie. Immer aber spricht eine Wertschätzung des Lebens, die sich gleichzeitig altmodisch und zukunftsweisend lesen lässt, aus den Erzählungen. An einer Stelle heißt es, eine Figur tue etwas auf eine Art, die emphatisch und seltsamerweise trotzdem teilnahmslos sei.

Genau dieses Kunststück gelingt auch Judith Hermann. Dabei interessiert sie sich immer noch für die Weggabelungen im Leben, diejenigen Situationen, in denen Freundschaften entstehen oder zerbrechen, Menschen auseinandergehen oder wieder zurückkehren. Die Autorin deutet dabei vieles nur an, lässt Entscheidendes lieber im Ungefähren, erzählt nicht alles, sodass die Leser sich die Erzählungen selbst zusammenreimen dürfen und müssen. Das Geheimnisvolle gehört seit jeher zur Schriftstellerin Judith Hermann und ihrer Vorliebe für die Leerstellen im Leben.

Dabei erzählt sie von dem, was die meisten kennen: von gebrochenen Herzen, unmöglichen Eltern, unsagbar weisen alten Freunden und nicht auszuhaltenden Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit. Weltbewegend ist das nicht, zauberhaft schon.