Es gab Zeiten, in denen Böhmen trotz aller politischen Konflikte das literarisch fruchtbarste Kronland der Habsburger war. In Prag saßen die Tschechisch und Deutsch Schreibenden nebeneinander, sie konferierten im Café "Arco" und anderen Literaturzen-tralen, während die Nationalitätenkonflikte auf der Straße oder im fernen Reichsrat in Wien tobten. Viele Autoren aus aufstrebenden jüdischen Familien waren darunter: der Jungstar Franz Werfel, dessen stolzer Vater Handschuhe erzeugte, der seltene Gast Kafka, dessen raubeiniger Vater mit Galanteriewaren handelte, und Max Brod, dessen besorgter Vater über den Bilanzen seiner Sparkasse brütete.

Produktives Umfeld

Vor fünfzig Jahren (1966) erschien erstmals Max Brods teils historisierende, teils analysierende Reminiszenz "Der Prager Kreis", die jetzt neu aufgelegt worden ist. Über Brods mitunter allzu selbst- und sendungsbewusste Darstellung lässt sich streiten, aber nicht darüber, dass die Leistungen dieses produktiven literarischen Umfelds tradiert werden müssen.

Abgesehen von Kafka wurden die Prager Feder-Ästheten ja zur Zielscheibe des Spotts, den Karl Kraus über die "Arconauten" ausschüttete. Obwohl selbst aus Gitschin/Jičin stammend, nahm der Wiener Satiriker dem schreibenden Max die Butter vom "Brod", wohl wissend, dass dies das tschechische Wort für Furt ist, weshalb viele slawische Städte an Flüssen so heißen. Aber für ein ironisches Wortspiel ließ der "Fackel"-Kraus Fünf gerade sein.

Dennoch: Die jungen Prager Literaten "lasen wohl zehn Jahre lang alles gemeinsam", trafen sich in diversen Zirkeln, neben dem Arco etwa bei Frau Fanto, dem Prager Pendant zu Jenny Mauthner und der Hofrätin Zuckerkandl, im Prager Louvre, oder auch im Rahmen der jüdischen Vereinigung Bar Kochba - allesamt soziale Netzwerke, die Steffen Höhne, der Verfasser des kundigen, soziologisch-literarisch fundierten Nachworts zur Neuerscheinung, Brodscher Initiative zuschreibt.

Aus Brünn stieß der schreibende Arzt Ernst Weiß zum Prager Kreis, Johannes Urzidil, der Meister der kleinen Form und Biograf namhafter Politiker belebte den Diskurs, Rainer Maria Rilke trumpfte von vielen unbemerkt mit Elegien auf. Und da war Paul Kornfeld, gemessen an heutigen Standards eine Begabung, den Brod verachtete und im Rückblick als "Belanglosigkeit in Person" beschrieb. Trotz solcher subjektiver Zuschreibungen war Brod, wie Peter Demetz im Vorwort zur Neuedition schreibt, "wie kein anderer dazu berufen, die Geschichte der Prager deutschen Literatur zu schreiben". Diese Literatur entstand in einem bipolaren Verhältnis zwischen den österreichisch-deutschen, jüdischen und den slawischen Kunstschaffenden. Hier konnten nationale, zionistische und slawophile Ausrichtungen nebeneinander bestehen und gedeihen.

Doch dann kam die Zuspitzung im Ersten Weltkrieg, die das fragile Gleichgewicht zerstörte. 1919 saß Max Brod im Prager Jüdischen Nationalrat, wurde Redakteur des "Prager Tagblattes" und Dramaturg, brachte es zu zahlreichen Ehrungen in der tschechischen Republik.

Das Ende

Zwei Jahrzehnte später war alles vorbei, Brod emigrierte 1938 nach Palästina. Der Prager Kreis, der - so Brod - von 1904 bis 1939 eine "viel freiere, hoffende, wenn auch nicht geradezu naive, so doch kindhafte Stimmung" verbreitete, als es die mitunter gehörte Unterstellung einer "dreifachen Ghettomauer" unterstellte, hatte sein Ende gefunden.

Gut also, dass der Kreis literarisch in einer von Hans-Gerd Koch und Hans Dieter Zimmermann im Zusammenwirken mit Barbora ramková und Norbert Miller edierten Neuausgabe ausgewählter Brod-Werke wieder erstanden ist und durch den vorerst letzten der bibliophilen Bände geschlossen wird.