Autorin, TV-Moderatorin und Spezialistin für die "deutsche Seele": die 1970 geborene Thea Dorn. - © Anna Schmidt
Autorin, TV-Moderatorin und Spezialistin für die "deutsche Seele": die 1970 geborene Thea Dorn. - © Anna Schmidt

Für Johanna Mawet ist der Tod eine Zumutung, der sie mit ihren Mitteln begegnen muss. Die Humangenetikerin will ihren Forschungsaufenthalt an einer amerikanischen Ostküstenuniversität nutzen, um in ihrem Lebensprojekt einen großen Schritt voranzukommen: "Sämtlichen Zellen im menschlichen Organismus Regenerationskräfte zu verleihen, die weit über das natürliche Maß hinausgingen, damit zugleich die Zellalterung abzuschaffen und also den Weg zur Unsterblichkeit zu ebnen." In den USA, wo sie viel freier forschen kann als in ihrer deutschen Heimat, will sie von Mäusezellen auf menschliche Zellen übergehen.

Noch bevor sie soweit ist, trifft sie an einer Supermarktkasse einen Mann, dessen Verhalten und Aussehen sie irritiert. Warum gerät er außer sich, nur weil sie ihn bittet, ihre Einkäufe statt in Papier- in Plastiksäcke zu verpacken? Warum starrt er sie so an? Und wie passen seine schwarze Lockenmähne und die glatte Haut zu den weiß behaarten Armen und der tiefen Magenfalte? Auffällig ist auch, dass er Englisch mit deutschem Akzent und ein antiquiertes Deutsch spricht.

Unsterblicher Ritter

Von nun ab weicht Johanna dieser Sonderling nicht mehr von der Seite. Allmählich weiht er sie in sein Geheimnis ein: Er sei Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776 in Schlesien, offiziell gestorben 1810 in München, tatsächlich aber trotz schwerer Kriegsverletzungen und zahlreicher Suizidversuche 240 Jahre alt. Ihr Unglaube weicht erst, als sie mit eigenen Augen sieht, wie sich sein Körper sogar nach Verstümmelungen in kürzester Zeit regenieriert. Und als sie nachliest, wer der historisch verbriefte Ritter war, steht für sie fest, dass ihr seine Zellen den Schlüssel zur Unsterblichkeit liefern werden.

Die deutsche Schriftstellerin Thea Dorn knüpft mit ihrem Roman "Die Unglückseligen" thematisch und formal an ihre früheren Gesellschaftsromane und Krimis, Essaybände und insbesondere an "Die deutsche Seele", ihre Kulturgeschichte des Deutschen, an. Ihr Drama um den Naturforscher und Philosophen Johann Wilhelm Ritter, der mit Goethe, Herder, Schlegel, Alexander von Humboldt und den Brentanos verkehrte, als Physiker die UV-Strahlung entdeckte und den Akku erfand, ist ein komplexes, faustisches Spektakel.

Der Frühromantiker Ritter steht bei Dorn auch für den Glauben, dass die Wissenschaft der göttlichen Schöpfung dienen soll, nicht umgekehrt. Sein deutsches Gemüt sowie Schmerz und Lebensüberdruss des alten Mannes, der sich dann doch noch einmal in eine junge, schöne, kluge Frau verliebt, kontrastieren mit der spröden Art der emotional und finanziell unabhängigen, fortschrittsgläubigen und effizienzgesteuerten Johanna, die mehr an ihren glänzenden Geräten mit dem weißen Apfel-Logo hängt - Ritter hält sie und viele ihrer Zeitgenossen für Mitglieder eines "Apfelbundes" - als an einem Menschen.

Der Blick des Zeitreisenden Ritter auf die letzten Jahrhunderte und auf die US-amerikanische und deutsche Gegenwart, die Auseinandersetzungen von Johann und Johanna über Sinn, Zweck und Grenzen von Glaube, Spiritualität, Wissenschaft und Leben und die Veränderung ihrer Beziehung, in der sich schließlich Rationalität, Lebenslust und Tatkraft umkehren, werden immer wieder vom Teufel kommentiert. Wie Mephisto in Goethes Faust, so wettert auch dieser Satan gerne gegen Gott - und hat zumindest zeitweise fast Mitleid mit den Menschen: "DEIN Reich wird fallen, grausam launenhafter Herr! Ich spür’s: Nicht viel fehlt mehr, und stürzen wird der letzte Pfeiler, und mit ihm alles, was DU warst und bist, von Ewigkeit zu Endlichkeit. Amen. Doch stille jetzt! Das große Spiel, das mir das Herz vor Freude hüpfen lässt, fängt an - und unsre beiden Freunde seh ich mittenmang!"

Die Sprache ist das größte Abenteuer bei der Lektüre dieses auch an Action, Skurrilitäten und Wechselbädern der Gefühle nicht armen, zwischen Romantik und Gegenwart changierenden Dramas, das auch Thriller, Road Movie, Liebesgeschichte und Gesellschaftsporträt ist. Wie bei der "Deutschen Seele" spielt Thea Dorn auf breitestmöglicher literarischer Klaviatur.

Der Textfluss wird immer wieder durchbrochen von Gedichten, Liedern, Briefen, Gebeten, einem Dramolett über einen utopischen "Weltkongress der Immortalisten" und ein fett gedrucktes Märchen über den Ausflug einer kleinen Fledermaus, die Ritter und Johanna begegnet.

Vereinzelt flicht Dorn auch Illustrationen ein, einen Auszug aus einem alten medizinischen Lehrbuch, Comic-Sprechblasen und Zahlencodes beim Sequenzieren von Genomen. Hinzu kommen Passagen in Schwäbisch, Altfränkisch und anderen Dialekten, die zumindest für den Laien überzeugend klingen. Eine Menge kreativer Einfälle also, was die Lektüre bis zum Schluss überraschend macht. Dennoch finden sich insbesondere im zweiten Teil des Romans lange Selbstgespräche, die vor allem dann ermüden, wenn sie in Ritters Sprache im Stil des 18. Jahrhunderts und in Johannas zunehmend ins Okkulte abdriftendem Ton gehalten sind.

Sinneswandel

Als sie mit der Decodierung des Genoms alleine nicht weiterkommt und sich und Ritter nicht dem befürchteten Spießrutenlauf aussetzen will, falls bekannt würde, dass Ritter unsterblich sei, greift sie zu anderen Mitteln. Erst macht sie sich selbst zum Forschungsobjekt, später mutiert sie von der fast fanatischen Forscherin zur Frau, die sich von der Wissenschaft und dem Ideal der Unsterblichkeit abwendet und nur noch der Liebe hingibt.

Dieser rasante Sinnes- und Lebenswandel überfordert den Leser etwas, zumal Dorn immer wieder neue Randthemen und spielerische Elemente einführt. Etwas weniger Überfrachtung hätte diesem erzählerischen Großwerk gutgetan.