Hand aufs Herz, wer schreibt heute noch in Kurrentschrift und nimmt zuweilen ein in Fraktur gedrucktes Werk zur Hand? Die nur mit Mühsal lesbaren, gezackten, hütchenähnlichen Kleinbuchstaben "e, m, n, w" usw. haben Generationen von Schülern zur Verzweiflung gebracht. Und die schwer unterscheidbare Groß- und Kleinschreibung (etwa bei D und K, wo das jeweils kleine fast größer ist als das große) machte Erstklasslern das Leben zur Hölle. Von den drei "S" (Mitte-s, End-s, ß) ganz abgesehen, erwies sich die - mit Federn im Fach Kalligraphie zu akzentuierende und von gestrengen Rohrstaberl-Lehrern dort förmlich exekutierte - Kurrentschrift auf Dauer als pädagogisches Problem.

Nationale Dimension

Heute wird sie oft fälschlich mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht, obwohl die Rückkehr zu Runen (wie im Schreibmaschinenzeichen für "SS") nichts mit der ursprünglichen Fraktur zu tun hat. Dennoch hatte diese Schrift auch eine nationale Dimension, was etwa im Werk des Verfassungsrechtlers Merkl deutlich wird: Erschien die lesenswerte Studie zur "Verfassung der Republik Deutschösterreich" 1919 in moderner Antiqua, so wechselte man 1935 (!) zurück in die Fraktur, um dem interessierten Publikum die "ständisch-autoritäre Verfassung 1934" näher zu bringen.

Vielleicht sind die Wahl der Schrift und die individuelle Auslegung der Syntax allein schon Indiz für Politisches. Kafka schrieb als Schüler Kurrent, danach hatte er, wie viele Pragerdeutsche, eine "heutige" Handschrift (ohne "ß" und sehr beistricharm!); Schnitzler wechselte jäh, noch Jahre vor dem Ersten Weltkrieg; Musil aber und Doderer liebten die Haken und Schleifen der alten Schreibschrift und nahmen ungern Abschied davon. Die Sütterlinschrift (Kurrent-Variante) blieb bis 1928 Schulschrift in der jungen Republik.

Um uns Erwachsenen wieder das Gefühl zu geben, wie es war, als Schulanfänger recht hilflos mit Kartons, Filzbuchstaben für die Tafel oder Setzkasten zu arbeiten, hat Martin Bolz eine originelle Lese-Fibel verfasst. Er geht über das Schulbuch hinaus und legt "fatrastische", also bewusst absurde Texte nach dem Muster französischer Nonsens- und Satiredichtungen des 13. Jahrhunderts vor, die mit aktuellen Internetzitaten und Aufnahmen seltsamer "Abschnitts"-Vögel (Gänse, Reiher, Störche, Habichte, Greifvögel) gespickt sind.

Feine Feder

Mitunter wählt der evangelische Theologe und Philosoph auch Wurzelschnitzereien oder ländlichen Hausrat als Illustration. So wirkt er als Vermittler von historischen, sprachkundlich interessanten Details und tritt zugleich als praktizierender, urbaner Landexperte auf.

Der 1945 in Wiesbaden geborene Wahlösterreicher, der auch an Pädagogischen Hochschulen lehrte und als Fachinspektor tätig war, stellt die Korrelation zwischen richtigem Schreiben und klarem Denken in den Raum, die heute vielfach verloren gegangen ist. Martin Bolz erweist sich als humorvoll und intellektuell; er führt eine feine Feder, wie sie Flora, Torberg oder Morgenstern eignete. Und deren Nachfahre im Geiste erweist sich als tiefschürfender, unterhaltsamer, moderner Autor. Der hierzulande wenig bekannte Verlag Noack&Block hat das Buch in eine bibliophile Form gebracht.