Helmut Qualtinger mit einer ihm nachempfundenen Marionette, November 1972. - © dpa/Horst Ossinger
Helmut Qualtinger mit einer ihm nachempfundenen Marionette, November 1972. - © dpa/Horst Ossinger

"Mir brauchen Se gar nix erzählen . . ." So beginnt "Der Herr Karl", geschrieben von Carl Merz und Helmut Qualtinger. Die Figur trat zunächst im Fernsehen in Erscheinung, danach auf Theaterbühnen zwischen Wien, Berlin und New York. Mit langer Hose, Arbeitsmantel, Wollweste, ungebügeltem Hemd und achtlos gebundener Krawatte berichtet der Herr Karl in einem 50 Minuten dauernden Monolog aus seinem Leben. Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, Besatzungszeit, Staatsvertrag und Wirtschaftswunder.

Er erzählt, wie er überlebt hat. Wie er es sich gerichtet hat. Wie er Frauen ausgebeutet hat, sexuell und materiell. Arbeitsscheu und feig, war er ein Mitläufer ohne Überzeugungen. Aber dennoch unterm Strich ein Verlierer. Kein großer Verbrecher zwar, eher ein kleiner Gauner, der jedoch die "Banalität des Bösen" vielleicht sogar mehr verkörpert hat als ein Kriegsverbrecher aus den Reihen der NS-Elite.

Um Politik kümmert er sich nicht, wenn dabei nichts für ihn zu holen ist. Im Gemeindebau hat er eine Wohnung, deshalb ist er Sozialist. Nach dem Verbot der SP geht er als Demonstrant für die schwarze Heimwehr auf die Straße - weil er dafür fünf Schillinge bekommt. Auch bei den Nazis demonstriert er für fünf Schillinge: "Österreich war immer unpolitisch. Aber a bissel Geld is’ halt z’samm kommen."

Politischer Instinkt

Der Bildhauer Alfred Hrdlicka schätzte an Qualtinger vor allem den politischen Instinkt: "Der ‚Herr Karl‘ war, rückblickend gesehen, nicht Vergangenheits-, sondern Zukunftsbewältigung. Er hat den Leuten den Spiegel vorgehalten, sie haben sich darin gesehen, haben sich aber nicht erkannt. Sie haben über den Quasi gelacht, kapiert haben sie nichts."

Demzufolge wählten die in Wien arbeitenden Auslandsjournalisten 1961 nicht Bruno Kreisky oder Herbert von Karajan zum "Populärsten Österreicher des Jahres", sondern - Helmut Qualtinger. Der kommentierte seine Ehrung nur knapp: "Jetzt werden mir schon Preise verliehen. Mit mir geht’s bergab!" Fotos zeigen ihn ungewohnt mit Smoking, weißem Hemd und Fliege.

"Der Herr Karl" machte Qualtinger zum Star. Bekannt geworden war er aber bereits davor als Kabarettist. Das Publikum zwängte sich in unbequeme Klappsitze, um das "Wunderteam des Kabaretts" im Kellertheater zu erleben. Qualtinger & Co. konnten sich am politischen Alltag der 1950er Jahre verschwenderisch bedienen. Aber das Lachen des Publikums kastrierte die Kritik. Sogar Politiker gratulierten zum Verriss.

"Die reinste Freude ist die Schadenfreude", sagte der Wiener Bürgermeister Franz Jonas nach einer Kabarettpremiere. "Deshalb lache ich recht herzlich, wenn der Qualtinger nicht mich, sondern die anderen in der Luft zerreißt." Bundeskanzler Julius Raab kommentierte: "Das Raunzen ist eine der hervorstechendsten österreichischen Nationaleigenschaften. Wenn der Österreicher raunzt, ist er gesund."

Qualtinger musste einsehen, dass seine Absichten, die Menschen zum Umdenken zu bringen, gescheitert waren: "Sie vernichteten uns mit Applaus. Deshalb habe ich aufgehört."

Ihm wäre es lieber gewesen, wenn man ihn gefürchtet hätte. Doch: "Eine ganze Nation verlieh ihm die kumpelhafte Bezeichnung ‚Quasi‘, weil sie nicht hören wollte, was er sagte, sondern nur wie er es sagte", glaubt der Dichter Peter Turrini.

Die Herzlichkeit, mit der ihn fremde Menschen oft überfallsartig auf der Straße umarmten und dadurch signalisierten, "Er ist einer von uns!", war Qualtinger nie geheuer. Er wusste: "Mein Erfolg ist ein einziges Missverständnis!"