In den 1950ern spottete er gut und gerne über die Regierung: "Wenn Sie sich in einem Land befinden, in dem eine Partei regiert, während eine andere die Opposition stellt, dann sind Sie in einer Demokratie. Wenn Sie in einem Land sind, in dem eine Partei regiert und keine die Opposition macht, weil sie verboten ist, dann ist das eine Diktatur. Wenn Sie sich in einem Land befinden, in dem zwei Parteien regieren, die sich zugleich die Opposition machen, dann sind Sie in Österreich!"

Dissident

"Darüber", so Qualtinger 1986, "könnte ich heute nicht mehr lachen, der Witz ist Fleisch geworden!" In seiner Satire "Der Alleinherrscher" brachte er das herrschende politische Bewusstsein der "schweigenden Mehrheit" auf den Punkt: "Das ist für mich Demokratie: Die Papp’n halten und grinsen."

Qualtinger war ein österreichischer Dissident, der bei Johann Nestroy, Karl Kraus und Ödön von Horváth seine kulturellen Wurzeln fand. Das Wienerische hatte es ihm angetan. Es war die Sprache der Vorstädte und der Einsamkeit, die Sprache verlorener Träume und verdrängter Geschichte. Sein Thema waren die Menschen - die Menschen und die Wiener, denn: "Manchmal weiß ich nicht: Bin ich ein Mensch oder ein Wiener?"

In knappen Sätzen ließ er sie zu Wort kommen - und mit ihnen die Sehnsüchte und Grausamkeiten, die Verliebtheiten und Intrigen, die Bösartigkeiten und Gewaltakte. All das wohnt in seinen literarischen Texten und wird zur beklemmenden Talkshow, zum fleckigen Spiegelbild, in dem die selbstgefälligen Definitionen des österreichischen Nationalcharakters ins böse Lot gebracht werden.

In den kleinen Auseinandersetzungen der Personen erkennt man die großen gesellschaftspolitischen Zusammenhänge. Für moralische Verkommenheit, seelische Korruption, politischen Faschismus und mächtige Sprachlosigkeit war Qualtinger ein Experte, der zeitlebens an einem Lexikon alpenländischer Charakterlosigkeit zu arbeiten schien. Ein philosophischer "Negativist", der voller Unmut an den Zeiten zerrte, ohne dabei an Terrain gewinnen zu können. Scheinbar Historisches holte er als österreichische Zeitmaschine, die weder Vergessen noch Verdrängen kennen wollte, in die Gegenwart. Er gab der Sprache Leben und gefährliche Aktualität.

Qualtinger wollte als politischer Schriftsteller ernst genommen werden: "Ich unterwandere. Das ist wirkungsvoller als das offene Gefecht. Da kann man mir keinen Maulkorb umbinden. Nes-troy hat gesagt: ‚Wer zensuriert werden kann, ist selber schuld.‘"

Mit seinem wild wuchernden Vollbart wirkte Qualtinger in den 1970ern oft, als hätte er bereits einige Revolutionen hinter sich. Er trug eine grüne Fidel-Castro-Mütze, Jeans und eine NATO-Jacke oder dunkle zerknautschte Anzüge. Er hatte abgenommen und fixierte seine Hosen mit Trägern, weil sie schlotterten. Als Treibstoff verwendete er Bier und Magenbitter, gemischt mit Cola. In seiner Brieftasche bewahrte er eine kleine Fotomontage auf, die ihn neben Mao Tse-tung zeigte - Revoluzzer unter sich: "Ist des ned guad?"