"Der Herr Karl ist tot!"

Helmut Qualtingers Tod am 29. September 1986 löste auch im Ausland Erschütterung aus. Die "New York Times" meldete sein Ableben auf Seite eins, eine Pariser Radiostation gestaltete eine Sonder-Sendung. Im "Spiegel" war zu lesen, dass Qualtinger "Basis-Erziehung in Sachen Demokratie geleistet" hatte. Und in Österreich las man: "Der Herr Karl ist tot!"

Unter dem Titel "Ein Schluck Leben" verfasste "Profil"-Kolumnist Reinhard Tramontana einen Nachruf, in dem er sich betroffen zeigte über den Tod seines Freundes - und über die Art, wie man ihn verabschiedet hatte. Man könne froh sein, dass Qualtinger "die Nachrufe nicht erlebt hat: Denn wer sie alle gelesen und gehört hat, der musste zum Schluss kommen, dass unser ‚allseits unendlich geliebter Quasi‘ von uns gegangen sei, unser ‚Lieber Augustin‘ - gewissermaßen der Herr Conrads."

Tramontana fragte, warum in Österreich nirgendwo erwähnt wurde, "dass Qualtingers spirituelle Batterie der Antifaschismus war; dass sein ganzes künstlerisches wie privates Leben die wachsame, unerschütterliche Renitenz gegen die Wiedergutmachung an Austrofaschisten und Nationalsozialisten war?"

Peter Turrini rückte in seiner Trauerrede das öffentliche Bild vom "Quasi" zurecht: "In den Kommentaren zu Qualtingers Tod steht: ‚Er wird uns unvergesslich bleiben!‘ Das ist ein Satz wie ein Grab, in dem schon mehr verschwunden ist als ein Mensch. Was aber soll uns unvergesslich, also lebendig, bleiben? Jenes lieb gewordene Bild vom 'Quasi', an dem sich nun jeder bis zur absoluten Beliebigkeit bedienen kann, oder die Sätze des Schriftstellers, die treffen, ja verletzen wollen? Wenn wir den Schriftsteller Helmut Qualtinger wirklich leben lassen wollen, dann müssen wir endlich auf- und annehmen, wovon dieser Schriftsteller redet: vom ganzen Ausmaß jener politischen und menschlichen Schweinerei, die unter uns lebt und vielleicht auch in uns lebt."