Sie stehen auf Balkonen, sitzen an Fenstern. Sie rauchen, trinken Kaffee, Champagner oder Wein - und blicken in eine Ferne, die sich nicht nach Kilometern misst: Sehnsucht lautet das große Motto von Eva Schmidts Episodenroman "Ein langes Jahr".

Nach zwanzig Jahren meldet sich die Vorarlberger Schriftstellerin nun zurück: 38 Miniaturen umfasst der Mikrokosmos, den sie in einer Stadtsiedlung verortet, an einem nicht näher benannten See. Geografische Hinweise ermöglichen aber die genaue Lokalisierung: Schmidts Welt liegt am Bodensee, die Siedlung in Bregenz. Das literarische Personal bewohnt vornehme Anwesen oder profane Mietkomplexe wie das "Steckdosenhaus", das einer Stromgesellschaft gehört.

So unterschiedlich ihre Milieus, so einheitlich das Los der Figuren: Es sind große Einsame, im Kindes- wie im Greisenalter, aber auch in der sogenannten Vollblüte ihres Lebens. Abhanden gekommene Elternteile, Ehepartner, Söhne und Töchter haben ihr Innerstes ausgehöhlt. Daran vermögen auch ihre Lückenfüller-Hunde nichts zu ändern. Kerk etwa, benannt nach Albuquerque in New Mexico, aus dessen Tierheim ihn der Weltenbummler (und Scheidungswaise) Tom in sein nobles Bodenseer Elternhaus geholt hat; oder Hem, Kurzform von Hemingway, weil sein Herrchen, der betagte Agostini, den Roman "Der alte Mann und das Meer" so liebt.

Der gute Agostini: er liebt auch die vorbeifahrenden Züge - und ist doch schon an der Endstation gelandet: dem Pflegeheim, wo er täglich seine Frau besucht, ehe er selbst dort einzieht. Die Malerin Karin Brandenburg wiederum setzt ihrer Lebensreise selbst ein Ende. Das wird in dem Moment klar, als sie vom Baumarkt nach Hause kommt, ein Loch in den Plafond bohrt und lacht, "bis ihr die Tränen kommen". Ganz anders die weitgereiste Fotografin: ihr Blick erfasst Nah und Fern, ob über den Balkon, durch die Kameralinse oder via Webcam.

Das von den Romantikern weit geöffnete Fenstermotiv kehrt in Schmidts Miniaturreigen leitmotivisch wieder. Fenster (wie Balkone) bilden eine Schwelle zwischen Innen- und Außenwelt. Sie gewähren Einblicke und Ausblicke, die sich zuweilen verschränken ("Ich beobachtete den Mann mit dem Fernglas und die Frau, die er beo-bachtete"), und zu einem zärtlich-düsteren Puzzle fügen. Im Wechsel von Ich-Perspektive und auktorialer Sicht erschließen sich Schnittstellen all dieser Einzelschicksale.

Das titelgebende "Jahr" reicht von Herbst zu Herbst, mündet aber nicht für alle in einem großen Winter. Ein beeindruckendes Buch für feinfühlende Fenstergucker.