Wer mit der altenglischen Sagenwelt nicht so vertraut ist, erfährt auf Seite 45 von Marlene Streeruwitz’ Roman "Yseut", wie man diese Schreibweise der deutschen "Isolde" korrekt ausspricht: "Üsutt". Für eine flüssige Lektüre ist das kein unwesentlicher Hinweis, denn die Autorin verwendet das ersetzende persönliche Fürwort vergleichsweise zurückhaltend.

Mit diesem Namen hat der alkoholkranke Vater seine Leidenschaft für alte Sagen in das Leben der Tochter eingeschrieben und zugleich dem Roman sein Programm vorgegeben. Denn wie bei alten Aventiure-Epen erfahren wir von den Ausfahrten, Abenteuern und Kämpfen der Titelfigur, präsentiert in "Folgen" wie im Fortsetzungsroman. Verschränkt sind diese im Rückblick aufgerollten Knotenpunkte und Stolpersteine eines Frauenlebens mit der aktuellen Ausfahrt der alternden Yseut, die nach Italien führt und tatsächlich abenteuerliche Verwicklungen bringt. Dabei war der eigentliche Zweck der Reise eine Nachdenkpause über den recht unromantischen Antrag eines gewissen Alfred und damit über die Frage, ob sie sich noch einmal auf eine Männergeschichte einlassen will.

Stakkato-Stil

Für die Gegenwartshandlung in kleinen Dörfern der Po-Ebene, die vielleicht nicht nur wegen der Nachsaison entvölkert wirken, nutzt Streeruwitz ihren bekannten Stakkato-Stil, angereichert mit einer gehörigen Portion an Witz und Ironie. Yseut gerät auf den Spuren Lord Byrons in ein verwunschenes altes Landhaus, bewohnt von einer uralten Contessa, in deren Umfeld allerlei schräge Gestalten agieren; ein alter Major, der sich nur noch mit einer Stimmprothese verständigen kann, ein örtlicher Mafioso, der ein Heim für Demenzkranke als Erlebnisresidenz mit 60er-Jahre-Simulationen betreibt, schließlich ist die Generation Yseuts gerade dabei, allmählich in die Altenheime zu übersiedeln. Nachts treiben Jugendbanden ihr Unwesen auf der Jagd nach illegalen Flüchtlingen, während andere sie verköstigen und die Rolle des lokalen Polizisten unklar bleibt.

Wie sich Yseut in diesem ihr fremden Milieu bewegt, wie sie versucht, aus beobachteten Details ein Bild der lokalen Verstrickungen zusammenzusetzen und dabei stets auf Klischeefallen und blinde Flecke stößt, dazu passt die Aufgeregtheit der abgehackten Sätze genauso perfekt wie zur Beschreibung von Yseuts Panik vor unbekannten Insekten und ihrer Unfähigkeit, in fremden Räumen die Orientierung zu bewahren.

Ruhiger werden die Lebensrückblicke erzählt. Hier erinnert sich eine Frau an Stationen ihres Lebens, und daraus entsteht trotz aller Besonderheit der konkreten Familienkonstellation das Porträt einer Frauengeneration. In den Nachkriegsjahren aufgewachsen, ist sie imprägniert von den strikten Vorgaben und Reglements der Zeit. Die Verbitterung, das Schweigen und die Verklemmtheiten der Eltern verlängerten sich unweigerlich in die Leben der Kinder und überschatteten deren Aufbrüche.

Das "erzählungslose Reden des Nachkriegs-Wien" mit Fragen zu durchbrechen, ist erst den Enkeln gelungen. Die zentralste der Prägungen aber blieb bei aller allmählich eroberten Selbstständigkeit die ausschließliche Orientierung auf das Projekt Liebe, im Lauf des Lebens erweitert um die Zielvorgabe sexueller Erfüllung.

Aus- und Aufbruch

In die erste Ehe ist Yseut hineingestürzt, genau wie Brigitte Schwaiger das einst in "Wie kommt das Salz ins Meer" beschrieb. Sie lernt den Chemie-Assistenten Eduard an der Universität kennen, die diese Frauengeneration zwar durchaus schon betritt, aber häufig vor Studienabschluss Richtung Ehe wieder verlässt. So auch Yseut, die Sprachwissenschaft studiert, ohne sich dabei am richtigen Platz zu fühlen, und daher bereitwillig mit Eduard nach Kalifornien geht. Ein Aufbruch im metaphorischen Sinn wird daraus erst, als sie aus der rasch totgelaufenen Ehe ausbricht - und in einer neuen Beziehung mit einem ihrer dortigen Universitätslehrer landet. Den gemeinsamen Sohn wird sie jedoch alleine aufziehen. Zunächst, und das waren wohl ihre unbeschwertesten, vielleicht auch etwas verklärten Jahre, in einer Art Hippie-WG gemeinsam mit ihrer Lebensfreundin Lynn. Als ihr Vater im Sterben liegt, kehrt sie nach Wien zurück.

Noch einmal wird sie aufbrechen, nach Frankfurt, ins Theatermilieu, und wieder wird sie zurückkehren und wieder werden einige Beziehungen gescheitert sein. Es wirkt wie eine Mischung aus Mut, Unheilbarkeit und Resigna- tion, dass sich Yseut nun noch einmal ernsthaft die Frage stellt, ob die Vorstellung wirklich "reicht, sich jemanden in die Arme werfen. Wieder in jemandes Arme fallen lassen . . . Änderte das alles."

Das Gefühl, im Leben gescheitert zu sein, verstärkt durch die Symbolik, dass sie in die Wohnung der Kindheit zurückgekehrt ist, nagt an Yseut. Doch irgendwie waren alle Umwege und Irrtümer Teil des Kampfes um eine eigenständige Persönlichkeit, für den die Umstände und Zeitläufte noch nicht allzu günstig standen. Diese Frauengeneration wollte viel, war schlecht darauf vorbereitet und fand noch kaum jene geöffneten Strukturen vor, die den später Geborenen vieles erleichterte. "Ihre Generation. Sie hatten erobert. Sie hatten erobern können." Und sie sind dabei in manche Falle getappt. Vielleicht sind die eigentlichen Profiteure tatsächlich die Männer, die dank der eingeforderten Selbstständigkeit der Frau von einstigen Verpflichtungen wie Fürsorge und Unterhalt müheloser Abstand nehmen können.