Mit der Welt der Dörfer vertraut: Reinhard Kaiser-Mühlecker. - © Arne Dedert/dpa/picturedesk.com
Mit der Welt der Dörfer vertraut: Reinhard Kaiser-Mühlecker. - © Arne Dedert/dpa/picturedesk.com

Titel haben etwas Magisches. Manche Bücher möchte man nur ihres Titels wegen lesen, so wie man manche Platten nur des Covermotivs wegen hören möchte. "Mann ohne Eigenschaften", "Beton", "Die Hornissen" oder "Leichnam, seine Familie belauernd" wären ein paar Beispiele für solche Buchtitel, die sofort eine unbändige Lust wecken, zum Text zu greifen, um dann nach der Lektüre aufgeladen zu sein mit dem, was das Buch in einem ausgelöst hat.

"Fremde Seele, dunkler Wald", der neue Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker, verfügt über so einen Titel. Entlehnt wurden die vier Worte einem Satz von Turgenjew. Sie erzeugen eine Antizipation auf ein großes Leseerlebnis, zumal die Rezensionen der deutschen Hauptfeuilletons von der erzählerischen Kraft eines Adalbert Stifter schwärmen, die sie bei Kaiser-Mühlecker zu verspüren glauben. Auch Peter Handke stößt in dieses Horn, wenn er seinen jüngeren Kollegen literarisch "zwischen Stifter und Hamsun" einordnet, wie der Klappentext verrät.

Evokative Kraft

Aber um all solches Lob sollte man den 34-jährigen Autor nicht unbedingt beneiden, denn auch wenn er ein guter Schriftsteller ist, in eine weltliterarische Klasse gehören seine bisher erschienenen Romane und Erzählungen durchaus nicht.

Immerhin widersetzt Kaiser-Mühlecker sich dem faden Durchschnitt dessen, was heute als Gegenwartsliteratur paradiert, indem er auf genaue, ausführliche Schilderungen setzt, deren evokative Kraft nicht zuletzt darauf beruht, dass er auf eigene Erfahrungen im oberösterreichischen Handlungsraum bauen kann: die Welt der Dörfer, die sozialen Regeln der Provinz und der Alltag auf einem Bauernhof sind dem aus Kirchdorf an der Krems stammenden Autor sehr vertraut.

Doch dem, was er literarisch daraus macht, fehlt etwas, das die klassische Antiheimatliteratur der 1970er und 1980er Jahre noch auszeichnete, nämlich ein Element des Überraschenden, des Unerwarteten in dem, was erzählt wird, und ein Element des Individuellen in dem, wie erzählt wird.



Nun kann man Kaiser-Mühl-ecker kaum vorwerfen, dass es im Österreich der 2010er Jahre keine Ecke mehr gibt, in der das Archaische nicht schon von der digitalen Internetmoderne ausgetrieben wurde. (Was im Übrigen letztendlich vielleicht auch eine positive Entwicklung fürs Land ist.)

Aber wenn der Autor in einer Sprache schreibt, aus der in Selbstzensur - oder von den Lektoren in Frankfurt am Main - nahezu sämtliche Austriazismen exorziert wurden, dann könnte die Geschichte genauso gut in Oberbayern oder Brandenburg spielen, zumal die Handlung stark von allegorischen Motiven wie mythischen Konstellationen geprägt ist, wie dies auch in den vorhergehenden Erzählwerken der Fall war.

In einer dampfenden Landschaft leben Menschen, die - fast wie in der antiken Tragödie - geprägt sind von ihrer Vergangenheit, weshalb sie wie unter Zwang einer Zukunft entgegen gehen, die keine Lösung für ihre Probleme bietet. Egal, wie radikal die Protagonisten das Ruder selbstbestimmt herumzureißen versuchen.

Lücken für Leser

Geschickt operiert Kaiser-Mühlecker mit Auslassungen, involviert seine Leser, damit diese die Lücken füllen, um dem Nicht-Ausgesprochenen auf die Spur zu kommen. Das sorgt immer wieder für literarische Spannung, doch wenn dann am Ende alles bruchhaft endet, fragt man sich doch wieder, ob der Autor seinen Stoff wirklich unter Kontrolle hat.

Brillant aber ist er überall dort, wo er nahe ans Geschehen herangeht und beispielsweise die abwehrenden Gefühle eines frischgebackenen Vaters schildert oder die Unfähigkeit zur Kommunika-tion innerhalb einer Familie aus drei Generationen anschaulich macht. Bis zum Klassikerstatus aber hat Reinhard Kaiser-Mühlecker noch einen gewisse Wegstrecke vor sich.