"Er war natürlich nicht nur ein Monster. Er war auch menschlich. Aber das macht es noch schlimmer", erklärte der niederländische Erfolgsschriftsteller Leon de Winter kürzlich in einem Interview über seine Romanfigur Osama bin Laden. Der 62-jährige Autor hat sich auf das Wagnis eingelassen, ein Stück jüngere Zeitgeschichte umzuschreiben. Im Roman wird Osama bin Laden im Frühjahr 2011 von den US-Spe-zialeinheiten nicht erschossen, sondern entführt. "Geronimo" lautete das Codewort der Navy Seals, als der Terrorist gefasst wird.

Im Mittelpunkt des Romans steht das CIA-Mitglied Tom Johnson. Der Sohn aus gutem Haus mit einem Faible für klassische Musik hat seine Tochter durch das Attentat in Madrid verloren und ist in Afghanistan selbst verwundet worden. Er sucht das von den Taliban auf grausamste Weise verstümmelte Mädchen Apana, das die Musik von Johann Sebas-tian Bach über alles liebte. Einst hatte er ihr ein einfaches Keyboard zum Musizieren geschenkt. Und da ist noch Jabbar, ein junger Pakistani, der sich in Apana verliebt hat und in einem Haus unweit von bin Ladens Versteck im pakistanischen Abbottabad lebt.

"Auf dem Kopf trug er einen vorsintflutlichen Helm, eine Art halbierten Lederball mit Ohrenklappen. Auf der Nase eine Brille mit Bifokalgläsern, die seine Augen verzerrten, und um Hals und Kinn einen Schal, der einen Großteil seines Gesichts verbarg." So getarnt, fährt Osma bin Laden auf einem alten Moped durch den Ort, besorgt Zigaretten und Vanilleeis für eine seiner drei Frauen, mit denen er in seinem Versteck zusammenlebt. Überdies hat er sich geradezu rührend um das verstümmelte Mädchen Apana gekümmert.

Das von de Winter gezeichnete bin-Laden-Bild wirkt alles andere als überzeugend. Der kettenrauchende, in die Jahre gekommene Lüstling verharmlost die reale Gestalt auf bedenkliche Art und Weise. Es drängt sich die Vermutung auf, dass im Hinterkopf des Autors schon ein Filmdrehbuch mitlief.

Da ist vieles allzu fimreif arrangiert: der vermeintlich schlummernde "gute Kern" im Innern des Monster-Terroristen, der in Apana - ebenso wie Tom Johnson - eine Art Ersatz-Tochter sieht, und auch die übersinnlich anmutenden Kräfte, die von Bachs "Goldberg-Variationen" ausgehen.

Leon de de Winters politischer Mut verwandelt sich zusehends in dichterischen Übermut. "Sie wusste von dem Moment an, dass Schönheit schmerzte, weil ihre Erfahrung endlich war", beschreibt de Winter die Gefühle der verstümmelten Apana beim Musikhören. Diesen Roman von Leon de Winter muss man nicht mögen.