Der Historiker Philipp Blom gehört zu den (erfreulicherweise immer häufiger vorkommenden) Wissenschaftern, die auch literarische Texte zu schreiben verstehen. Allerdings meint Blom, der Unterschied zwischen Historikern und Romanciers sei gar nicht sehr groß. Auch wenn sich der Historiker den Fakten verpflichtet fühlen sollte, während sich der Romancier im Luftreich der Fiktion aufhalten darf, so erzählen sie doch beide Geschichten, und sie untersuchen beide die vielfältigen Erscheinungsformen des menschlichen Daseins.

In der Tat beherrscht Blom das Handwerk des Historikers ebenso gut wie das des Autors. Hat er die Zeit von 1900 bis 1938 in zwei viel gerühmten wissenschaftlichen Monographien dargestellt, schildert er nun die darauf folgenden Jahre, vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum heutigen Tag in seinem Roman "Bei Sturm am Meer". Darin geht es vor allem um die psychischen Schwierigkeiten eines Mannes Mitte vierzig, der aus einer vielfältig zerrütteten Familie stammt. Sein Name ist Benedict, er wird aber meist Ben genannt, und er arbeitet erfolgreich in einer Marketing-Agentur. Er ist mit Xenia verheiratet, einer mindestens so erfolgreichen Professorin, und beide haben zusammen den sehr geliebten Sohn Sascha, der zum Zeitpunkt der Erzählung vier Jahre alt ist.

Es gehört zu den interessanten Phänomenen unserer Zeit, dass kultivierte, karrieremächtige Menschen offenbar gerne Filme sehen und Romane lesen, in denen ihre Lebenswelt in Frage gestellt, wenn nicht gar als brüchige Scheinwelt entlarvt wird. Auch Bloms Roman trägt das Seine zu dieser Verunsicherung der derzeitigen Eliten bei. Denn nicht Bens Erfolg und schon gar nicht sein Glück stehen im Zentrum des Textes. Stattdessen geht es um die möglichst präzise Erfassung einer krisenhaften Zeit, in der ein sorgsam entworfener Lebensplan zu scheitern droht - und zwar an der familiären Vergangenheit des Haupthelden, mit der er nur sehr schwer ins Reine kommt. Insbesondere macht ihm zu schaffen, dass er seinen Vater kaum gekannt hat. Als Ben so alt war, wie sein Sohn heute ist, nämlich vier Jahre, ist sein Vater - Henk mit Namen - verschwunden. Henk war ein linker Aktivist und Journalist, der sich in den siebziger Jahren in den lateinamerikanischen Freiheitskampf einmischen wollte, nach Kolumbien reiste und nicht mehr nach Hamburg zu Frau und Sohn zurückkehrte. Bens Mutter erzählte später, der Vater sei in einem gerechten Kampf ums Leben gekommen, sei also ein "Heldenvater", auf den sein Sohn stolz sein könne.

Diese Mutter Marlene ist nun am Krebs gestorben, und Ben wartet in Amsterdam auf die Urne mit ihrer Asche. Marlene hat zwar die längste Zeit in Deutschland gelebt, soll aber in Holland begraben werden, wo sie als Tochter einer deutschen Mutter und eines niederländischen Stiefvaters aufgewachsen ist. Die Urne ist jedoch unterwegs verlorengegangen, es muss nach ihr gesucht werden, wodurch sich der Begräbnistermin um fünf Tage verschiebt.

Ben verbringt also eine kritische Zeit alleine in Amsterdam. Xenia hatte sich nicht nur geweigert, ihn beim Begräbnis seiner Mutter zu begleiten, sie wollte ihm sogar verbieten, selbst hinzufahren, da der Sohn eine Mittelohrentzündung habe und seinen Vater dringender bräuchte als die ohnehin tote Mutter ihren Sohn. Diese Missachtung seiner Trauer kränkt Ben, und er stellt sich die Frage, wie lange er es mit der ehrgeizigen, makellosen Xenia noch wird aushalten können.

Zugleich fragt er sich aber erst recht, wie es um ihn selber steht. Um sich das klar zu machen, beginnt er einen langen Brief an seinen Sohn zu schreiben. Natürlich ist der Sohn noch zu jung, um diese Epistel zu begreifen, aber er soll sie auch erst lesen, wenn er 44 Jahre alt sein wird - so alt, wie Ben jetzt ist. (Ben vergleicht seine Lebendaten immer wieder mit dem seines Sohnes, und findet häufig Parallelen.)

Im Gegensatz zu Sascha können interessierte Leser den Text jetzt schon lesen, und dabei in unmittelbarer Zeitgenossenschaft erleben, wie Ben nicht nur seinen eigenen Lebensweg zu rekonstruieren versucht, sondern auch den seiner Eltern und den seiner bedeutsamen Großmutter Elly, Marlenes Mutter. Außerdem geht dem Erzähler in diesen wichtigen Tagen endgültig auf, dass die Heldenlegende von Vater Henk nicht nur ein bisschen geschönt, sondern durch und durch verlogen gewesen ist.

Ben denkt sprunghaft, in seinem verschlungenen Text gehen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ständig ineinander über. Wer dem Autor und Historiker Blom lesend in dieses Labyrinth folgt, wird allmählich begreifen, "warum die Menschen, um die es hier geht, so geworden sind und nicht anders". Und warum das Buch den Rätseltitel "Bei Sturm am Meer" trägt, wird auch nicht verschwiegen.