Eduardo Halfon, Jahrgang 1971, ist eine bedeutende Stimme der jüngeren Literatur Lateinamerikas. - ©Peter-Andreas Hassiepen
Eduardo Halfon, Jahrgang 1971, ist eine bedeutende Stimme der jüngeren Literatur Lateinamerikas. - ©Peter-Andreas Hassiepen

Eduardo Halfon ist Guatemalteke, Jude "in Rente", wie er selbst sagt, Nachkomme eines Holocaust-Überlebenden, Professor für Literatur, zur Zeit als Wahlamerikaner in Nebraska zu Hause - und ein "aufstrebender Stern der lateinamerikanischen Literatur", wie eine Zeitung vor zwei Jahren schrieb, als mit "Der polnische Boxer" erstmals ein Werk des 1971 geborenen Autors auf Deutsch erschien. Eduardo Halfon ist aber auch Weltreisender, jedenfalls wenn es nach den Schauplätzen seiner Erzählungen geht.

Acht Geschichten enthält sein neues Buch, das man nur mit viel gutem Willen als "Roman" bezeichnen kann, und das Ich dieser Geschichten, das man getrost mit der Person des Autors in eins setzen darf, klappert allerhand Örtlichkeiten ab: Italien, Israel, Guatemala, Belize, New York und am Ende Polen.

Das fällt auch dem Beamten auf, der an der Grenze zwischen Guatemala und Belize Halfons Pass inspiziert. "Der junge Einwanderungsbeamte war mit der Durchsicht meines Reisepasses beschäftigt, eine sorgfältige, gewissenhafte Lektüre, als handelte es sich um die Seiten eines Klatschmagazins oder eines Groschenromans. Er hielt ihn in die Höhe. Betrachtete ihn gegen das Licht. Rieb mit dem Nagel seines Zeigefingers kräftig daran herum. Mir kam der Gedanke, dass er gleich eine Ecke umknicken würde, als Lesezeichen, als ob er die Lektüre später fortsetzen wollte.
(. . .) Sie reisen wohl gern, brummte er, ohne mich anzusehen, im übergriffigen Ton eines Jungen, der noch nicht lange bei der Armee ist. Ich erwog, ihm zu sagen, dass all unsere Reisen in Wirklichkeit eine einzige sind, mit mannigfachen Unterbrechungen und Zwischenhalten. Ich erwog, ihm zu sagen, dass eine Reise, jede beliebige Reise, weder auf einer Linie noch auf einer Kreisbahn verläuft noch jemals endet. Ich erwog, ihm zu sagen, dass jede Reise ein sinnloses Unterfangen ist. Aber ich sagte nichts."

Selbsterforschung

Nun, ganz so sinnlose Unternehmungen sind diese Reisen zum Glück nicht. Denn sie konfrontieren das reisende Ich mit Fragen, die alle auf unterschiedlichste Weise den Komplex betreffen, den man gemeinhin Identität nennt. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? - dieser inzwischen zum gängigen Kalauer gewordene Titel von Richard David Prechts philosophischem Bestseller könnte auch das Leitmotiv von Eduardo Halfon sein. An der mittelamerikanischen Grenze jedenfalls gibt er sich als Ingenieur aus, das sei deutlich ratsamer und vernünftiger als Schriftsteller; und als sich herausstellt, dass sein guatemaltekischer Pass abgelaufen ist, zückt er eben seinen spanischen: "Ich bin eben viele, sagte ich mit einer gewissen Ironie. Aber heute, sagte ich, bin ich zwei."

In der Literatur lässt sich gerade eine Renaissance oder eher Neuerfindung des autobiographischen Schreibens beobachten. Karl Ove Knausgård mit seiner dreieinhalbtausendseitigen Selbsterforschung, John Burnside oder Thomas Melle mit ihren seelischen Krankheitsgeschichten, Joachim Meyerhoff mit seinen All-Age-Bestsellern über das eigene Erwachsenwerden oder jüngst Matthias Brandt (siehe Rezension auf Seite 42, Anm.) mit seinen feinen Erinnerungsminiaturen - sie alle (und nicht nur sie) beleben eine Literatur, die im eigenen Leben und Erleben wurzelt, aber die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung, zwischen Wirklichkeit und Fiktion auf höchst produktive Weise verwischt.

Auch Eduardo Halfon erweist sich als Meister dieser Grauzone. In "Der polnische Boxer", einem "Roman in zehn Runden", hat er dieses Schreiben so definiert:

"Die Literatur ist bloß ein guter Trick, wie auch Zauberer oder Hexer sie verwenden, um die Wirklichkeit vollständig erscheinen zu lassen, um vorzutäuschen, die Wirklichkeit sei eins und in sich abgeschlossen. Vielleicht muss die Literatur aber auch eine Wirklichkeit konstruieren, indem sie eine andere Wirklichkeit zerstört, anders gesagt, sie muss sich selbst zerstören, um sich anschließend aus ihren eigenen Bruchstücken neu aufzubauen."

Vielleicht sollte man diese Art des Schreibens also besser als Autofiktion denn als Autobiographie bezeichnen, aber das ändert nichts daran, dass Halfons Ich-Erkundungen zum Besten gehören, was auf diesem Gebiet gerade zu lesen ist.

Wörter als Schläge

Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass bei ihm Witz und Melancholie, Komik und bitterster Ernst auf ganz eigene Weise miteinander verwoben sind. Denn der Urgrund dieser suchenden, nach Identität fragenden Schreibbewegung ist die Geschichte des Großvaters, die in allen Geschichten teils mehr, teils weniger präsent ist.

Es ist die Geschichte eines Mannes aus Polen, der 1939 von der Gestapo verhaftet wurde, sechs Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern verbrachte - und dem ein polnischer Boxer in Auschwitz beibrachte, sich mit Wörtern zu verteidigen, mit Wörtern Schläge auszuteilen. Dadurch überlebte er, ging nach dem Krieg nach Guatemala und kehrte kein einziges Mal mehr in seine alte Heimat zurück.

Als sein Enkel ankündigt, er selbst wolle nun aber nach Polen fahren, dorthin, wo der Großvater einst lebte, versucht der alte, gebrechliche Herr ihm das zunächst vehement auszureden. "Doch nach einer Weile kam mein Großvater zurück, in der Hand einen gelben Zettel mit wenigen in seiner Handschrift geschriebenen Zeilen. Das war die vollständige Adresse des Hauses, in dem er in ódz gewohnt hatte (. . .). Ein letzter gelber Zettel. Ein paar letzte Worte in seiner zittrigen Greisenschrift. Ein letztes Vermächtnis an einen Enkel, der es aus der Hand seines Großvaters entgegennimmt, als nähme er in diesem Moment, während dieses letzten Abendmahls, sein gesamtes Erbe entgegen."

Die Geschichte dieser "Pilgerreise" nach Polen beschließt dieses Buch. Sie trägt den Titel "Oh Ghetto, liebes Ghetto", und sie enthält wie in einer Nussschale alles, was diesen Weltreisenden aus Guatemala zu einem höchst bemerkenswerten Schriftsteller macht. Eduardo Halfon, so scheint es, schreibt an seinem ganz eigenen Lebensroman. "Letzten Endes ist unsere Geschichte immer unser einziges Erbe." Bei ihm besteht diese Geschichte aus vielen Geschichten. Und hoffentlich noch vielen weiteren.