Karl Ove Knausgård, geboren 1968 in Oslo. - © André Løyning
Karl Ove Knausgård, geboren 1968 in Oslo. - © André Løyning

Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein. Da sitzt im Mai 2013 ein weltberühmter norwegischer Schriftsteller, dessen äußere Erscheinung durchaus etwas Wikingerhaftes an sich hat, in einem Café in Beirut, blickt hinaus auf das rege Treiben auf den Straßen und beschäftigt sich mit Søren Kierkegaards Schrift über den Begriff der Angst. Abends liest er dann zusammen mit acht anderen Schriftstellern aus seinem autobiographischen Projekt. Er liest eine Passage, in der er sich als junger Mann das Gesicht zerschneidet, weil eine Frau seine Avancen zurückgewiesen hat. Und je länger der Abend dauert, desto mehr regt sich in ihm ein schreckliches Gefühl der Scham.

Im Nachbarland Syrien herrscht Krieg, der Libanon ist voller Flüchtlinge und selbst noch immer von den langen Jahren des Bürgerkriegs gezeichnet. "Leid, Unsicherheit, Furcht, Tod, Verstümmelung. Und da komme ich daher und lese, dass ich mir das Gesicht mit einer Glasscherbe aufgeschnitten habe. Kann man narzisstischer sein? Nach der Lesung wendet sich ein Araber, der ungefähr Mitte sechzig ist, an mich und fragt in gebrochenem Englisch, woran ich gerade arbeite. Ich verstehe, dass auch er Schriftsteller ist. Ich antworte, dass ich derzeit Essays schreibe. Er fragt, geht es um Politik? Ich überlege, schüttele den Kopf und sage, no, not politics. Er sieht mich kurz an, dann dreht er sich wortlos um."

Wer von Karl Ove Knausgård politische Einmischungen erwartet hat, der dürfte von seinen Essays in der Tat enttäuscht sein. Allerdings wäre es doch etwas überraschend gewesen, von einem Autor, für den alle Wahrheit im subjektiven Erleben liegt, Ausführungen, sagen wir, zur Flüchtlingskrise, zur Globalisierung oder zum grassierenden Populismus zu lesen. Wobei daran erinnert sei, dass ein Text von Knausgård vor ein paar Jahren durchaus Wellen schlug. "Der monofone Mensch" ist er betitelt, und er beschäftigt sich mit dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der 2011 über siebzig zumeist junge Menschen erschoss.

Knausgård will dessen grausame Tat nicht auf Abstand halten, er will sie nicht ideologisch oder pathologisch, sondern "menschlich" erklären, also mit Verweis auf charakterliche Prägungen, innere Kämpfe und eine schwierige Beziehung zu den Eltern. Das hat ihm einiges an Kritik eingetragen, doch Knausgård, dem wir die wohl radikalste Selbsterkundung der Gegenwartsliteratur verdanken, ist in gewissem Sinne radikaler Humanist: "Das Menschliche ist der einzelne Mensch, der nirgendwo sonst zu finden ist, und dieser einzelne Mensch ist nicht souverän, er ist begrenzt, unzulänglich und beinahe immer kleinlich."