"Je älter ich werde, desto weniger Gewissheiten habe ich", erklärte der spanische Schriftsteller Javier Marías kürzlich in einem Interview. Über sechs Millionen Exem-plare seiner in 34 Sprachen übersetzten Romane, Erzählungen und Essays sind weltweit über die Ladentische gegangen. Dabei ist Marías alles andere als ein leicht konsumierbarer Mainstreamautor. Seine oft verschachtelten, mit Querverweisen auf die Weltliteratur gespickten Romane werden in Spanien dem Pensamiento literario (literarisches Nachdenken) zugerechnet, eine Art philosophisches Erzählen.

Nun liegt erstmals eine repräsentative Auswahl von Erzählungen aus fast 50 Jahren vor. Die früheste Geschichte ("Leben und Tod des Marcelino Iturriaga") aus dem Jahr 1968 ist (trotz der Jugend des Autors) sehr anspruchsvoll konzipiert. Der Protagonist Marcelino Iturriaga berichtet darin beinahe emotionslos über seinen eigenen Tod und sein wenig aufregendes, kurzes Leben. Liebe, Leidenschaft, Enttäuschungen, Verrat und Tod (oft auch gewaltsam) sind die fundamentalen Bausteine in den vorliegenden Texten. Dabei pflegt der Autor das Fantastische, das Surreale und die künstlerischen Grenzüberschreitungen. Banale Alltagsbegebenheiten werden mit fantastischen Einschüben vermischt. Da schimmert bisweilen Edgar Allan Poe durch die Zeilen. Gleich drei schaurige Gespenstergeschichten enthält der Band, etwa die Titel-Erzählung "Keine Liebe mehr", in der eine junge Frau als Vorleserin auftritt. Beim Vorlesen begegnet ihr plötzlich ein Gespenst in Gestalt eines Bauernjungen: "Der junge Mann hob sogleich den Zeigefinger an die Lippen und gab ihr durch beschwichtigende Handbewegungen zu verstehen, sie solle fortfahren und seine Anwesenheit nicht verraten."

Schaurig geht es auch dort zu, wo Marías mit Anleihen aus der Welt des Krimis spielt. Oft schickt er seine Figuren auf bizarre Weise ins Jenseits - so in "Lanzenblut": Gleich zu Beginn treffen wir auf zwei von Lanzen bestialisch durchbohrte Leichen. Der Autor begibt sich auch in seelische Untiefen seiner Figuren. Daraus entstehen Situationen, die gleichermaßen skurril wie beklemmend wirken - etwa als Elvis Presleys Spanischlehrer in Notwehr zu einer Spitzhacke greift oder ein Psychopath permanent seine junge, attraktive Frau filmt, weil er partout ihren letzten Lebenstag dokumentieren will.

"In einem meiner Romane habe ich geschrieben: Es kommt der Moment, in dem es schwierig ist, das, was man gelesen hat, zu trennen von dem, was man erlebt hat. Beides sind Erfahrungen", so Marías’ künstlerisches Credo.