Wahrnehmungsschärfe und stilistische Prägnanz: Richard Swartz. - © S. Fischer/Kirchgessner
Wahrnehmungsschärfe und stilistische Prägnanz: Richard Swartz. - © S. Fischer/Kirchgessner

Mein Buch des Jahres hat keinen guten Titel: "Blut, Boden & Geld" klingt abschreckend, dumpf, unheilschwanger und nach NS-Zeit. Dabei ist & hat es nichts von alledem, wie der Untertitel schon deutlicher macht: "Eine kroatische Familiengeschichte". Da stellt sich aber sogleich eine andere Frage: Wie kommt ein schwedischer Autor und Journalist dazu, eine kroatische Familiengeschichte zu schreiben, die ausdrücklich keine Fiktion, also kein Roman ist? Nun denn, das gesamte Buch ist die - und man muss es gleich eingangs betonen: großartige, lesenswerte und erkenntnisfördernde - Antwort darauf.

Richard Swartz, 1945 in Stockholm geboren, fast 40 Jahre lang Osteuropa-Korrespondent vom "Svenska Dagbladet", seit langem u.a. auch in Wien beheimatet (wovon sein nicht weniger empfehlenswerter, zuletzt bei Zsolnay erschienener Band "Wiener Flohmarktleben" kündet), ist mit einer Kroatin verheiratet, der Journalistin und Schriftstellerin Slavenka Drakulić, und lebt seit über 25 Jahren einen Teil des Jahres in einem nunmehr zu Kroatien gehörenden kleinen Dorf in Istrien. Und davon, von dieser seiner kroatischen Familie und dem Leben in Sovinjak (so heißt das 293 Meter über dem - aber nicht am - Meer liegende Dorf), handelt das Buch.

Schwiegervater in
Titos Diensten

Als Kapiteleinteilung taugt der Titel übrigens recht gut: denn es geht darin eben um die Familie von Swartz’ Frau (Blut), das Dorf Sovinjak (Boden) und eine vordergründig ökonomische, tatsächlich aber viel weiter ausgreifende, Mentalitäten und Zeitalter spiegelnde, allerdings nicht überwindende Angelegenheit im dritten Teil des Buches, die den Übertitel "Geld" durchaus rechtfertigt.

Nur als Haupttitel taugt die Trias halt nicht wirklich. Aber dabei belassen wir es jetzt - und widmen uns den Vorzügen des Buches. Worin bestehen diese? Vor allem in der sprachlich geglückten Durchdringung von erlebten Geschichten und journalistischem Interesse, gepaart mit einem genauen Blick und selbstironischer Reflexion. Alle diese Tugenden vereinen sich in Richard Swartz’ schreiberischem Zugang vortrefflich, und sie lassen eine so plastische wie transparente Welt aus Fleisch und Blut (da haben wir’s schon wieder!) entstehen, von der man auch dann eingenommen wird, wenn einen kroatische Verhältnisse nur bedingt interessieren.



Das beginnt gleich mit der Schilderung des Schwiegervaters, eines kommunistischen Partisanen in Titos Diensten, der nach dem Krieg sogar zum Oberst befördert wird, dessen Karriere in Uniform jedoch verhältnismäßig kurz dauert, dafür aber seine gesamte Identität bestimmt. Geschildert wird der Mann - u. a. als Provinzdandy, als "fić firić (das, was man in Wien einen Feschak nennt), einen rund ums Mittelmeer nicht ungewöhnlichen Typ Mann" - so lebensnah und -echt, dass man schon sehr verblüfft ist, wenn es nach rund 30 Seiten heißt: "Mein Schwiegervater wurde siebenundsechzig Jahre alt. Ich bin ihm nie begegnet."

Literarische
Erweckungskraft

Somit ist dieses Porträt nur aus den Eindrücken und Erzählungen anderer entstanden, was Swartz’ hochpotente literarische Erweckungskraft bezeugt. Bei seiner Schwiegermutter, die ihren Mann um fast drei Jahrzehnte überlebte, kann er sich indes auf genügend eigene Erfahrungen stützen, so- dass deren Porträt, welches das gesamte Buch durchzieht, naturgemäß noch authentischer und lebenspraller ausfällt.

Sie, eine mit italienischen Vorfahren auf der Insel Krk aufgewachsene, lange in Rijeka lebende, schließlich wieder auf Krk zurückkehrende Katholikin, ist eine recht eigenwillige Frau, die Richard Swartz unter Aufbietung all seiner Empathiefähigkeiten zwar recht kritisch, aber doch auch respekt- und liebevoll in den Blick nimmt. Dabei verstehen sich die beiden keineswegs besonders - das wird bei vielen Anlässen sichtbar, ganz besonders in der abschließenden Großepisode, nämlich dem versuchten Kauf eines Hauses auf Krk, welche Transaktion auf grotesk verschlungene Weise scheitert.

In praktisch nichts stimmen Schwiegermutter und Schwiegersohn da überein: ihre Auffassungen von Zeit, Geld und Eigentum differieren komplett. Aber gerade diese Differenzen machen - dank Swartz’ detaillierter Darstellung - die skurrile Situation und das Profil der Frau (eigentlich: der Frauen, denn auch die Ehefrau spielt dabei eine entscheidende Rolle) erst so richtig klar und anschaulich - und damit für den Leser ergiebig.

Archaische
Ehrenkultur

Swartz selbst zieht aus dem Haus-Fiasko ein philosophisch und mentalitätsgeschichtlich weitreichendes Fazit: "An dieser tragischen Familiengeschichte über Kapitalzerstörung und den Sieg einer archaischen präökonomischen Ehrenkultur über unsere moderne Marktwirtschaft fasziniert mich nicht nur das, was dem gesunden Menschenverstand und der Natur des Menschen zu widersprechen scheint, sondern auch, wie - wie wir uns gern einbilden - längst überholte Vorstellungen Seite an Seite mit unseren modernen existieren können: wie Menschen, von denen wir glaubten, sie gehörten der Vergangenheit an, die Gegenwart mit uns teilen."